Das Wichtigste in Kürze
- Ziel: Feuer in den ersten 20 Minuten unter Kontrolle. Dann ist die Einsturzgefahr deutlich kleiner.
- Das Aufbrennen (die Dachlatten brennen durch, Ziegel verlieren den Halt) beginnt meist unter dem First, wo sich die Wärme staut.
- Sicheres Zeichen fürs Aufbrennen: Aus der hellen, langsamen Rauchwolke steigt eine dunklere, schnellere Rauchsäule.
- Ein Innenangriff ist auch bei aufgebranntem Dach möglich, über das Treppenhaus, nah an der Traufe, weg vom Firstbereich.
- Kein Wenderohr am Wohnhaus. Von der Drehleiter aus nur mit C-Rohr im Sprühstrahl.
- Giebelwände fallen ohne Vorwarnung. Nach mehr als 20 Minuten Brandeinwirkung die Bereiche seitlich der Giebel meiden.
- Aufbrennen
- Nach rund 15 bis 30 Minuten Brandeinwirkung auf die Dachlatten
- Ziegel fallen
- Ab etwa 15 Minuten Brandeinwirkung
- Seitliche Instabilität
- Nach rund 20 bis 40 Minuten (Windrispen, Giebelwände)
- Sparren und Pfetten
- Querschnitt halbiert nach etwa 25 bis 50 Minuten
- Kontrollziel
- Feuer nach spätestens 20 Minuten im Dachstuhl unter Kontrolle
- Abstand im Innenangriff
- Möglichst weit vom Brandherd, Sprühstrahl wirkt auf etwa 5 m
- Wenderohr
- Rund 1000 l/min, davon verdampfen nur etwa 40 %, der Rest ist Wasserschaden
Wie ein Dachstuhlbrand verläuft
Der große Unterschied zum Zimmerbrand ist das Aufbrennen: Die Konstruktion beginnt mit den Dachlatten zu verbrennen, die Ziegel verlieren ihren Halt und fallen herab. Das Feuer hat dann einen freien Weg nach draußen und es entsteht ein natürlicher Rauch- und Wärmeabzug.
- Heißer Rauch steigt nach oben und sammelt sich unter dem First. Deshalb brennt ein Dachstuhl meist am First auf.
- Der Zeitpunkt ist nicht sicher vorherzusagen. Er hängt vom Abbrand der Dachlatten ab und kommt bei einem deutlich entwickelten Brand nach etwa 15 bis 30 Minuten Brandeinwirkung.
- Typisches Rauchbild vor dem Aufbrennen: Der Rauch drückt flächig zwischen den Ziegeln hindurch und wirkt wie Streifen oder ein Gitter über dem Dach. Über dem Dach wird er zu einer hellgrauen, langsam aufsteigenden Wolke.
- Sichere Anzeichen, dass das Dach aufgebrannt ist: Innerhalb der hellen Wolke steigt eine dunklere, schnellere Rauchsäule auf. Erste Flammen sieht man oft erst später, weil der Rauch sie verdeckt.
- Vorsicht bei gedämmten Dächern: Dann dringt oft nur wenig Rauch durch die Dachhaut. Ist der Rauch aus Dachfenstern deutlich stärker als aus der Dachhaut, ist von einer Dämmung oder einem Ausbau auszugehen. Sie kann das Übergreifen aufs Dach deutlich verzögern.
Flammenverlängerung
Schlagen aus einer Öffnung verlängerte Flammen, bekommt der Brand im Raum zu wenig Luft und verbrennt erst draußen fertig. Das zeigt immer einen weit entwickelten Brand oder Vollbrand hinter der Öffnung an. Die Flammen strahlen allseitig Wärme ab und können Nachbargebäude oder das Dach über dem Brandgeschoss gefährden.
Feuerübersprung und Rauchgasdurchzündung
- Ein Feuerübersprung (Flash-over) ist die schnelle Ausbreitung des Feuers auf alle brennbaren Oberflächen im Raum. Eine Rauchgasdurchzündung ist dagegen eine Stichflamme in der Rauchgasschicht. Beides wird oft verwechselt und tritt nicht zwingend zusammen auf.
- Aufbrennen, Flammenverlängerung und Flash-over hängen oft zusammen, müssen es aber nicht. Ein bevorstehendes Aufbrennen sagt nichts über einen bevorstehenden Flash-over.
- Hinweise auf Rauchgasdurchzündung: Rauch wird dunkler, schneller und turbulent, bildet Wirbel an der Öffnung (Lokomotiv- und Dralleffekt). Dringt er nur durch Ritzen, ist er oft bräunlich bis gelblich (Holzpyrolyse).
- Die Gefahr bleibt bei jedem Einsatz bestehen. Eine Riegelstellung oder ein Angriff von außen bringen hier nichts und verursachen nur Wasserschaden.
- Antwort: Vorgehen über das Treppenhaus, den Brand zuerst aus dem Schutz des Treppenraums bekämpfen, dann Schritt für Schritt in den Dachstuhl. Mit konsequent getragener Schutzausrüstung.
- Mit dem Aufbrennen sinkt die Gefahr von Flash-over und Rauchgasdurchzündung, weil der Wärmestau abzieht.
Vollbrand und Einsturz
- Das Feuer breitet sich nach unten aus, zuerst über den Treppenraum (herabfallende brennende Teile), dann durch die Decke. Bei freistehenden Häusern ist Funkenflug und Wärmestrahlung auf Nachbarn möglich.
- Zeitleiste der Bauteile:
- Dachlatten: Nach 15 bis 30 Minuten nur noch die Hälfte des Querschnitts, nach weiteren 15 bis 30 Minuten ganz verbrannt. Ziegel stürzen ab. Ab etwa 15 Minuten muss man damit rechnen.
- Sparren und Pfetten: Halber Querschnitt nach 25 bis 50 Minuten.
- Windrispen (aufgenagelte Stahlbänder, die die Sparren seitlich halten): Die Nägel sind nach 20 bis 40 Minuten zur Hälfte ausgebrannt. Dann drohen seitliche Instabilität und Einsturz.
- Giebelwände verlieren mit dem Dachstuhl ihre Stabilität und kippen meist nach außen. Die Firstpfette kann dabei die Sparren und sogar die zweite Giebelwand mitreißen, sodass alles wie ein Parallelogramm zur Seite kippt. Es gibt keine Vorwarnung wie Knacken, weil kein Holz bricht.
- Nach mehr als 20 Minuten Brandeinwirkung die Trümmerschatten seitlich der Giebel strikt meiden.
- Der Einsturz facht den Brand durch den Luftzug an und legt Glutnester frei.
- Schornsteine werden vom Dachstuhl seitlich gestützt. Brennt die Stütze weg, kippen sie leicht, besonders gezogene Schornsteine mit Holzunterbau.
- Größte Einsturzgefahr: direkt im Brandbereich unter dem First. Trupps im Innenangriff gehen deshalb nah an den Traufkanten vor, halten Abstand zum Herd. Der Sprühstrahl reicht auf etwa 5 m, aber Sicht und Einrichtung spielen mit.
Erkundung
Die wichtigen Fragen am Anfang:
- Sind Personen gefährdet?
- Wo brennt es, wohin breitet es sich aus?
- Ist die Konstruktion schon geschädigt, droht Einsturz?
Aus der Frontalansicht lässt sich viel ablesen:
- Giebel- und Dachflächenfenster zeigen ein ausgebautes Dachgeschoss. Dann dringt wenig Rauch durch die Dachhaut.
- Verlängerte Flammen aus Fenstern: Vollbrand dahinter.
- Flammen am First: Der Dachstuhl brennt gerade auf ganzer Länge auf.
- Rauch und Brandspuren am Treppenraumfenster weisen auf Ausbreitung im Treppenraum, mit Brandnestern im Obergeschoss ist zu rechnen.
- Bei Doppel- und Reihenhäusern fragen: Gibt es eine Brandwand? Läuft der Dachstuhl durch?
Menschenrettung
- Personen an Fenstern werden über Leitern gerettet, Vermisste im Gebäude über den Treppenraum.
- Auch hier gilt: Nie am Feuer vorbei. Brennt es darunter, wird zuerst dort gelöscht.
- Eine Rettung findet meist zu Beginn statt, wenn die kritischen 20 Minuten noch nicht erreicht sind. In ausgebauten Dachgeschossen (wo meist Menschen sind) ist die Einsturzgefahr geringer.
- Gleichzeitig mit der Rettung beginnt die Brandbekämpfung. Sie senkt das Einsturzrisiko und hilft damit auch der Rettung.
Brandbekämpfung
Es gilt die Regel abriegeln, umfassen, einkreisen (letzteres nur bei Großbrand). Im Wohnhaus heißt das: erstes Rohr abriegeln, weitere Rohre am Schwerpunkt angreifen. Löschangriffe führt man gegen die Ausbreitungsrichtung. Ein Zangenangriff im Wohnhaus ist sinnlos, weil sich die Trupps mit Wasser und Dampf gegenseitig gefährden.
Vier typische Fälle:
- Freistehendes Haus, Dachhaut noch zu: Erstes (und ggf. zweites) Rohr über den Treppenraum in den Dachstuhl. Kein Außenangriff. Durch die Ziegel kann man den Dachstuhl nicht kühlen.
- Geschlossene Bauweise, Dachhaut noch zu: Wie Fall 1, zusätzlich Riegelstellung zum Nachbarn vorbereiten (Wasser erst beim Aufbrennen abgeben). Nachbargebäude kontrollieren, Fenster schließen, besonders Dachfenster, gegen Funkenflug und Löschwasser.
- Doppelhaus mit durchgehendem Dachstuhl, Dachhaut zu: Der Brand läuft auch unter der Haut weiter, ohne aufzubrennen. Erstes Rohr über das Treppenhaus der Nachbarhälfte in deren Dachstuhl, zweites Rohr in den brennenden Dachstuhl.
- Geschlossene Bauweise, Dachhaut aufgebrannt: Erstes Rohr zur Riegelstellung am Nachbarn, zweites Rohr über den Treppenraum in den Dachstuhl. Geht das nicht mehr, wenigstens im Treppenraum halten und das Geschoss darunter auf Durchbrüche kontrollieren. Ein Außenangriff über die Drehleiter kann sinnvoll sein.
Außenangriff: Nur über die Drehleiter (so trifft das Wasser die Brandherde und nicht die Trupps innen), nur mit C-Rohr im Sprühstrahl. Praktisch ist ein kurzer C-Schlauch am C-Abgang des Wenderohrs oder an der Schlauchhalterung der Leiter.
Aufgaben bei größeren Lagen (Beispiel):
- Erster Trupp: Riegelstellung. Zweiter Trupp unter Atemschutz: Brandbekämpfung im Dachgeschoss über das Treppenhaus. Befehl: auf abstürzende Ziegel achten, notfalls in den Treppenraum zurückziehen.
- Zweite Gruppe: Geschoss darunter auf Durchbrüche kontrollieren, mit Wärmebildkamera und erstem Rohr, mit trockenem Rohr vorgehen.
- Drehleiter übernimmt den gezielten Außenangriff an der aufgebrannten Öffnung.
- Abschnitte „Innen“ und „Außen“. „Außen“: Schutz des Nachbargebäudes und Außenangriff. Dazu taktische Reserve und Austausch von Atemschutzgeräteträgern.