Brände in Kultur- und Sakralbauten

Brandeinsätze

Das Wichtigste in Kürze

  • Kirchen, Schlösser und Museen brennen anders als Wohnhäuser: Alte Holzdächer mit riesiger Brandlast, keine Rauchabschnitte, lange Wege. Ist das Dach erst voll im Brand, ist der Totalverlust kaum zu verhindern.
  • Entscheidend sind die ersten Minuten: Der Brand muss früh und stark bekämpft werden, bevor er auf die Dachkonstruktion übergreift.
  • Nach 20 bis 40 Minuten Brandeinwirkung muss man mit Instabilität im Dach rechnen. Holz brennt im Mittel etwa 1 mm pro Minute ab. Ab 50 % Querschnittsverlust droht der Einsturz.
  • Menschen vor Kulturgut: Droht ein Einsturz, ziehen alle Kräfte ab. Fahrzeuge und Geräte werden notfalls aufgegeben.
  • Kulturgüter sichert die Feuerwehr nur gemeinsam mit den Verantwortlichen des Hauses. Registrieren und Aufbewahren ist nicht ihre Aufgabe.
Besonderheit
Sehr hohe Brandlast im Dach, schnelle Ausbreitung, keine Rauch- und Wärmeabzüge
Erste Kräfte
Möglichst zwei Löschzüge schon in der Alarm- und Ausrückeordnung
Instabilität
Nach etwa 20 bis 40 Minuten Brandeinwirkung auf das Bauteil
Abbrand Holz
Im Mittel etwa 1 mm pro Minute
Einsturzgrenze
Ab etwa 50 % Verlust des tragenden Querschnitts
Sicherheitsabstand
Mindestens die Höhe des einsturzgefährdeten Bauteils
Innenangriff
Muss nach spätestens 15 Minuten deutlich wirken
Wasserbedarf
Pro Löschfahrzeug mit Wasserabgabe ein Hydrant einplanen
Netzdruck
Beim Entnehmen nicht unter 1,5 bar

Warum solche Gebäude besonders sind

Bei Kirchen, Klöstern, Schlössern, Burgen und Museen kommen mehrere Schwierigkeiten zusammen:

  • Die Bausubstanz entspricht nicht heutigen Standards. Dach und Decken bestehen oft aus jahrhundertealtem Holz mit sehr hoher Brandlast.
  • Es gibt keine oder sehr große Brand- und Rauchabschnitte und keine Öffnungen, über die Rauch und Wärme schnell abziehen.
  • Dachböden dienen oft als Lager und erhöhen die Brandlast zusätzlich.
  • Gebäude und Türme sind sehr hoch und ausgedehnt. Der Zugang zu Dach und Turm ist eng und weit.
  • Aufstell- und Bewegungsflächen sind knapp, Zufahrten oft schwierig.
  • Im Inneren stehen unersetzliche Kunstwerke und Reliquien.
  • Bei Veranstaltungen sind viele Besucher im Haus.

Das bekannteste Beispiel ist der Brand der Kathedrale Notre-Dame in Paris im April 2019. Der hohe Vierungsturm stürzte nach etwa einer Stunde Brandeinwirkung ein.

Vorbereitung

  • Zwei Löschzüge sollten schon in der Alarm- und Ausrückeordnung als erste Kräfte stehen. Nur so lässt sich die schnelle Ausbreitung bremsen.
  • Für solche Objekte gehört ein Feuerwehreinsatzplan dazu. Er enthält Anfahrt, Haltepunkte, Aufstellflächen, Hydranten und vorhandene Brandschutztechnik.
  • Im Plan stehen Name und Telefonnummer von Ansprechpartnern, die das Haus genau kennen (zum Beispiel Küster, Türmer, Hausmeister oder Museumsleitung). Die Liste ist auch in der Leitstelle hinterlegt, damit man sie nachts alarmieren kann.
  • Laufkarten zu Löschwasserentnahmestellen und Brandstellen helfen enorm, denn ortskundige Personen dürfen oder können im Brandfall oft nicht in den Brandbereich. Auf der Karte stehen Türnummern, Weglängen, Stufenzahlen, Entnahmestellen, Bauteilnamen, markante Punkte und Schlüsselorte. Sie entstehen gemeinsam mit dem Betreiber.
  • Nachrückende Kräfte bekommen früh einen Bereitstellungsraum, Zufahrten und Zugänge bleiben frei.

Erster Zugriff

  • Der erste Löschzug fährt die Einsatzadresse an, der zweite den Bereitstellungsraum. Dieser und die Einsatzleitung liegen außerhalb des Gefahrenbereichs.
  • Mögliche Einsatzabschnitte: Brandbekämpfung, Löschwasserversorgung, Sicherung Kulturgüter, Bereitstellungsraum.
  • Die Erkundung teilen sich mehrere Führungskräfte. Sie treffen sich an einem vereinbarten Punkt und führen ihre Ergebnisse zusammen.
  • Hubrettungsfahrzeuge stehen meist im Gefahrenbereich, weil Reichweite und Höhe begrenzt sind. Ein Haltepunkt auf der brandabgewandten Seite ist zuerst anzustreben. Ob die vorgesehene Aufstellfläche nutzbar ist, wird nach einem Ampelprinzip in drei Stufen bewertet:
  • Stufe 1: Noch keine Anzeichen, dass der Brand ins Dach geht.
  • Stufe 2: Das Dach ist bedroht, zum Beispiel durch Flammenübersprung oder Ausbreitung im Inneren.
  • Stufe 3: Die Dachkonstruktion brennt in voller Ausdehnung.

Ausbreitung ins Dach verhindern

  • Beginnt die Brandbekämpfung früh, bleibt der Schaden meist überschaubar. Verzögert sie sich, ist der Totalverlust sehr wahrscheinlich. Vom Aufbrennen der Dachkonstruktion bis zum Vollbrand vergeht nur kurze Zeit.
  • Man muss also rational abwägen zwischen schnellem, kräftigem Löschangriff und der Sicherheit der Kräfte. Ein konsequenter Angriff in der Entstehungsphase erhöht auch die Sicherheit.
  • Vorsicht bei langen, engen, verrauchten Wegen ohne Rückzug, vor allem in Türmen.
  • Der Aufbau des Löschangriffs erfolgt bis zur Rauchgrenze mit ungefüllten Schläuchen, damit man schnell vorgehen kann.

Einsturzgefahr

  • Je länger der Brand auf tragende Teile wirkt, desto größer die Gefahr. Gemeint ist die Dauer am einzelnen Bauteil, nicht die Gesamtdauer des Einsatzes.
  • Feingliedrige Konstruktionen versagen schneller.
  • Anzeichen sind Knack- und Knirschgeräusche.
  • Der Trümmerschatten ist umso größer, je höher das Bauteil ist. Als Mindestabstand gilt die Höhe des einsturzgefährdeten Teils.
  • Bei drohendem Einsturz werden alle Kräfte abgezogen, auch Fahrzeuge und Geräte werden notfalls aufgegeben. Die Unversehrtheit der Kräfte hat höchsten Stellenwert.
  • Auch wenn Teile verloren sind, lassen sich andere oft noch halten. In Paris versuchte man, die beiden Türme zu halten, obwohl Teile des Daches schon eingestürzt waren.

Innen- oder Außenangriff?

Innenangriff, wenn:

  • Zugänge gut begehbar sind und es einen jederzeit nutzbaren Rückweg gibt,
  • man aus sicherer Deckung beginnen und sich entwickeln kann,
  • den Trupps keine Gefahr durch einen bereits laufenden Außenangriff droht,
  • Funkverbindung besteht.

Der Innenangriff muss nach spätestens 15 Minuten deutlich Wirkung zeigen. Bei normalen Dachstuhlbränden sinkt die Einsturzgefahr stark, wenn das Feuer nach spätestens 20 Minuten unter Kontrolle ist.

Außenangriff schützt die Kräfte im Inneren, ist aber meist weniger wirksam und belastet die Statik durch das Löschwasser. Er erfolgt nur, wenn die Dachhaut aufgebrannt ist. Ein gezielter Einsatz mit dem Hohlstrahlrohr ist oft wirksamer als ein Wenderohr.

Vorgehen wie beim Großbrand:

  1. Abriegeln: Mit dem ersten Rohr die Ausbreitung stoppen.
  2. Umfassen: Mit weiteren Rohren an einer anderen Stelle, am besten am Schwerpunkt, angreifen.
  3. Einkreisen: Bei voll entwickeltem Großbrand von allen Seiten.
  4. Im Innenangriff greifen die Trupps aus ähnlicher Richtung an. Kein Zangenangriff, damit sie sich nicht gegenseitig mit Wasser gefährden.
  5. Innen- und Außenangriff kombiniert nur, wenn niemand gefährdet wird.

Wenderohr nur, wenn

  • der Brand so weit fortgeschritten ist, dass nur Wassermenge und Wurfweite helfen,
  • weniger schädliche Mittel nicht greifen,
  • sich im Wirkbereich keine Einsatzkräfte aufhalten.

Löschwasser

  • Der Bedarf ist hoch, vor allem beim offenen Dachstuhlbrand. Das Trinkwassernetz ist dafür nicht ausgelegt. Der Betriebsdruck darf bei der Entnahme nicht unter 1,5 bar fallen.
  • Offene Gewässer gehören in die Einsatzplanung. Gibt es keine, plant man eine Förderung über lange Wegstrecke.
  • Pendelverkehr reicht meist nicht, weil Platz, Aufwand und Leistung fehlen.
  • Faustformel: Pro eingesetztem Löschfahrzeug mit Wasserabgabe ein Hydrant.

Kulturgüter sichern

  • Der Einsatz soll den Schaden auf das beim Eintreffen vorgefundene Maß begrenzen. Bedroht sind Kulturgüter nicht nur durch Feuer und Rauch, sondern auch durch Löschwasser.
  • Maßnahmen: aus dem Gefahrenbereich bringen oder abdecken, zum Beispiel Wandgemälde mit Planen. Das geschieht parallel zur Brandbekämpfung.
  • Die Sicherung machen Angehörige der Feuerwehr, wenn nötig mit Fachberatern.
  • Ohne Atemschutz nur in nicht verrauchten Bereichen unterhalb des Brandherds, zum Beispiel im Erdgeschoss eines hohen Kirchenschiffs. Dort dauert die Verrauchung lange. Großlüfter können sie verzögern, wenn eine Abluftöffnung vorhanden ist.
  • Ist der Bereich schon verraucht oder droht schnelle Verrauchung, erfolgt die Sicherung konsequent unter Atemschutz.
  • Die Priorität legen die Verantwortlichen des Hauses fest. Die Feuerwehr prüft, ob das machbar ist (Größe und Gewicht, Zugänglichkeit, Empfindlichkeit, Transportwege wie Türen und Treppen).

Notfallplanung mit dem Betreiber

  • Das Emblem der Haager Konvention von 1954 (blau-weißer Schild) kennzeichnet schützenswertes Kulturgut. Es wird nicht überall angebracht.
  • Die Priorität kann mit Ziffern 1 bis 3 oder mit Sternen im Emblem dargestellt werden. Eine höhere Zahl bedeutet höheren Wert.
  • Für Feuerwehr und Betreiber gibt es Notfallordner mit gleichem, aktuellem Inhalt. Der Ordner der Feuerwehr liegt zum Beispiel im Feuerwehrinformationszentrum (FIZ), der Schlüssel im Schlüsseldepot.
  • Inhalt: Titelblatt mit Erreichbarkeitsliste, Objekt- und Geschosspläne, Verzeichnis der Kulturgüter mit Inventarnummer.
  • Objektlaufkarte pro Kulturgut: Adresse, Plan, Foto, Standort mit Etage, Bezeichnung und Maße, Gewicht, benötigtes Personal und Material für Transport oder Abbau, besondere Hinweise (zerbrechlich, wasserempfindlich, hitzeempfindlich).
  • Aufgabenverteilung des Betreibers vor, während und nach dem Schaden: Hilfsmittel (Planen, Verpackung, Kameras, Restauratoren-Notfallkoffer), Lager und Transport, Alarmierung, Dokumentation der geretteten Güter, Kontakt zum Versicherer, Objektsicherung.
  • Nützliche Kontakte: Restauratoren, Transportfirmen, Tragwerksplaner, THW, Fachfirmen für Gefriertrocknung bei Wasserschäden.
  • Jährliche Begehungen und gemeinsame Übungen sind sinnvoll.

Rettung und Übergabe

  • Die Rettung läuft in enger Absprache zwischen Einsatzleiter oder einem Abschnittsleiter Kulturgut und einer verantwortlichen Person des Hauses. Sie steht neben der Einsatzleitung, legt die Priorität fest und bekommt die Laufkarten, die sie an Trupps weitergibt.
  • Für gerettete Güter richtet man Übergabestellen ein. Vorab ist zu klären, wer sie annimmt.
  • Registrieren und Weiterverarbeiten ist nicht Aufgabe der Feuerwehr.
  • Zur Kennzeichnung bietet sich eine rote Fachberaterweste „Fachberater Kulturgut“ an. Helfer tragen orange Warnwesten mit Aufschrift (Dokumentation, Erfassung, Weitertransport), weil gelb mit der Weste des Einsatzleiters verwechselt würde.

Siehe auch