Gasflaschen im Brandeinsatz

Gefahren der Einsatzstelle

Das Wichtigste in Kürze

  • Wärmebeaufschlagte Gasflaschen können bersten, auch technisch leere. Trümmer fliegen bis 200 m (Acetylen) beziehungsweise 260 m (Flüssiggas, 11-kg-Flasche).
  • Nur aus sicherer Deckung löschen und kühlen, am besten mit einem autonomen Wasserwerfer. Nie der Flasche nähern, um das Ventil zu schließen.
  • Acetylen: Die Gefahr bleibt auch nach dem Entfernen der Wärme, weil der Zerfall von selbst weiterlaufen kann. Mindestens 1 Stunde kühlen, dann 1 Stunde beobachten. Eine warme Flasche nie bewegen.
  • Flüssiggas: Nach dem Abkühlen unter 50 °C besteht keine Berstgefahr mehr. Nie eine heiße Flasche bewegen. Danach Dichtheit prüfen.
  • Gefahren- und Absperrbereich nach Lage festlegen (Bebauung, Position der Flasche).
Acetylenflasche
Kastanienbraun (RAL 8015), UN 1001, oft ovales Handrad, Druck rund 19 bar bei 15 °C
Flüssiggasflasche
Keine feste Farbe, UN 1965, Propan oder Butan
Fragmentweite Acetylen
Bis etwa 200 m, Feuerball über 20 m
Fragmentweite Flüssiggas 11 kg
Bis etwa 260 m, Feuerball mindestens 15 m
Acetylen kühlen
Mindestens 1 Stunde, dann 1 Stunde alle 15 Minuten prüfen
Flüssiggas kühlen
Auf unter 50 °C
Beobachtung
Immer dieselben drei Messpunkte: Schulter, Mitte, Boden
Flüssiggas Sicherheitsventil
Propan in Deutschland meist, Butan und Kartuschen meist nicht

Erkennen: Acetylenflasche

  • Farbe kastanienbraun (RAL 8015), ältere Flaschen auch gelb. Kennzeichnung UN 1001, Piktogramme Flamme und Gasflasche.
  • Größen meist 5, 10, 20 oder 50 Liter, als Bündel mit 6, 12 oder 16 Flaschen. Acetylen ist ein Brenngas für das Autogenschweißen.
  • Der Druckminderer hat einen Überwurfklemmbügel, das Handrad ist meist oval.
  • Druck: rund 19 bar bei Umgebungstemperatur (15 °C).

Aufbau und Gefahren der Acetylenflasche

  • Acetylen ist in Aceton oder Dimethylformamid gelöst, beide Lösemittel sind hochentzündlich (es gibt auch lösemittelfreie Flaschen). Im Flaschenkörper sitzt ein poröses Material, das den Zerfall verhindern soll. Es leitet Wärme aber schlecht nach außen, deshalb kühlt Wasser deutlich schlechter.
  • Unter dem Flaschenhals bleibt ein freies Volumen ohne poröses Material, damit das Gas entnommen werden kann.
  • Acetylen explodiert mit Luft und gehört zu den zerfallsfähigen Gasen: Es kann auch ohne Sauerstoff zerfallen (in Kohlenstoff und Wasserstoff), und die Zerfallsprodukte bilden mit Luft wieder explosive Gemische.
  • Wärme von außen kann den Zerfall im Inneren auslösen. Auch ein Flammendurchschlag durch das Ventil (die Schweißausrüstung hat dafür eine dreistufige Sicherung aus Gasrücktrittventil, Flammensperre und Nachströmsperre).
  • Einmal ausgelöst, schreitet der Zerfall auch sehr langsam weiter und setzt selbst Wärme frei. Deshalb kann die Flasche auch nach dem Löschen und mit großer Verzögerung bersten.
  • In Flaschenbündeln sind alle Flaschen ohne einzelne Sicherung verbunden. Ein Zerfall pflanzt sich in alle fort, deshalb müssen alle Flaschen des Bündels gekühlt werden.
  • Bersten: massive Druck- und Temperaturwirkung, Feuerball über 20 m, Trümmerwurf bis 200 m im Freien, der Gefahrenbereich hängt von Bebauung und Lage ab.
  • Nie bewegen, solange die Flasche warm ist (nicht hinlegen, nicht in ein Wasserbad bringen). Beim Bewegen kann kaltes Acetylen an heiße Stellen gelangen und den Zerfall erneut starten. Ein tödlicher Unfall eines Feuerwehrmanns 1987 zeigt das.
  • Auch leere oder teilentleerte Flaschen können bersten, wenn sie lange genug erhitzt werden.
  • Nicht aufschießen: Das ist nicht zu empfehlen. Strömendes Gas kann an heiße Stellen gelangen und einen Zerfall mit Bersten auslösen.

Vorgehen bei einer brand- oder wärmebeaufschlagten Acetylenflasche

  1. Gefahren- und Absperrbereich festlegen (Fragmente bis 200 m). Wärmequelle entfernen, Brand aus sicherer Deckung löschen, Flasche nicht bewegen, Ventil nicht betätigen. Wenn möglich Flaschenlieferanten kontaktieren.
  2. Kühlphase: mindestens 1 Stunde aus sicherer Deckung mit Wasser kühlen.
  3. Temperatur als Referenz aus sicherer Deckung prüfen (Wärmebildkamera, Infrarotthermometer, Wetting-Test) und dokumentieren.
  4. Beobachtungsphase: 1 Stunde lang alle 15 Minuten prüfen. Es geht nicht um den absoluten Wert, sondern um die Veränderung, deshalb immer an denselben drei Messpunkten (Schulter, Mitte, Bodenbereich). Steigt die Temperatur an einem Punkt, weiter kühlen und die Beobachtung neu beginnen.
  5. Wetting-Test: Die Flasche wird aus Deckung mit einem Wasserstrahl benetzt. Verdampft das Wasser sofort oder trocknen einzelne Stellen schneller als der Rest, ist die Flasche noch heiß, der Test ist nicht bestanden.
  6. Bei Leckage zurück in die Beobachtungsphase, bis das Ausströmen beendet ist, weil nachströmendes Gas an heißen Stellen den Zerfall wieder starten kann. Dichtheit mit Gaswarngerät oder Lecksuchspray prüfen. Nie am Ventil manipulieren.
  7. Kein Temperaturanstieg und dicht: keine weiteren Maßnahmen, die Flasche geht an den Eigentümer oder Verantwortlichen.
  • Die Temperaturen kann man in einem Protokoll festhalten (Muster der Berliner Feuerwehr).

Erkennen: Flüssiggasflasche

  • Flüssiggas (LPG) ist ein Gemisch druckverflüssigter Kohlenwasserstoffe, meist Propan oder Butan.
  • Keine eindeutige Farbe. Man erkennt die Flasche an der Form, der Beschriftung und dem Gefahrgutaufkleber. Kennzeichnung UN 1965, Piktogramm Flamme (bei Propan evtl. CAS-Nr. 74-98-6).
  • Typisch sind 11-kg-Flaschen, daneben 5 kg und 33 kg, auch aus Aluminium oder Verbundstoff. Butanflaschen (zum Beispiel für Campingkocher) wiegen 0,45 bis 2,8 kg und haben ein innenliegendes Ventil. Gaskartuschen (100 bis 500 g) sind nicht wiederbefüllbar, teils ohne Ventil.
  • Treibgas- oder Kragenflaschen (zum Beispiel für Gabelstapler) haben ein Steigrohr und entnehmen die Flüssigphase.

Aufbau und Gefahren der Flüssiggasflasche

  • Der Innendruck hängt nur von der Temperatur ab, nicht vom Füllstand (Dampfdruck). Beispiele Propan: 4,7 bar bei 0 °C, 8,4 bar bei 20 °C, 17,1 bar bei 50 °C, 30,9 bar bei 80 °C. Butan liegt deutlich niedriger.
  • Unten liegt die Flüssigphase, oben die Gasphase.
  • Sicherheitsventil: Propanflaschen in Deutschland haben es in der Regel, Butanflaschen, ausländische Flaschen, Kartuschen und Treibgasflaschen meist nicht. Ansprechdruck nach Norm 21 bis 35 bar. Der Berstdruck liegt bei mindestens 35 bar, bei Propan rund 50 bar.
  • Flüssiggas ist schwerer als Luft und sammelt sich in Vertiefungen, mit Luft gemischt kann es nahezu dichteneutral sein. Es wird odoriert (riecht), austretendes Gas ist bei Geruch explosionsgefährlich.
  • Bei Erwärmung steigt der Druck, das Sicherheitsventil bläst ab, das Gas kann sich als Stichflamme entzünden.
  • Ohne Sicherheitsventil droht das Bersten. Auch mit Ventil kann die Flasche bersten, wenn mehr Flüssigphase verdampft, als abströmen kann, oder wenn eine umgekippte Flasche Flüssigphase über das Ventil abgibt.
  • Bersten: Die Flüssigphase verdampft schlagartig, Feuerball bei 11 kg mindestens 15 m, Trümmerwurf bis 260 m im Freien.
  • Anders als beim Acetylen besteht keine Berstgefahr mehr, wenn die Wärmequelle entfernt und die Flasche abgekühlt ist.

Vorgehen bei einer brand- oder wärmebeaufschlagten Flüssiggasflasche

  1. Gefahren- und Absperrbereich nach Lage festlegen (nach FwDV 500), Aufenthalt nur in sicherer Deckung, wenn möglich autonomer Wasserwerfer.
  2. Gas strömt mit Stichflamme aus: aus sicherer Deckung den Brand löschen oder die Wärmequelle entfernen. Die Stichflamme möglichst weiterbrennen lassen, denn erlischt sie, kann sich eine explosionsfähige Atmosphäre bilden. Gefährdet sie die Umgebung nicht, lässt man sie von selbst verlöschen und kühlt die Flasche aus Deckung auf unter 50 °C. Gefährdet sie die Umgebung (zum Beispiel weitere Gasflaschen in der Nähe), kühlt man die kritischen Bereiche aus sicherer Deckung.
  3. Gas strömt ohne Flamme aus: Rückzug, die Atmosphäre kann explosionsfähig sein. Mit Ex-Warngerät und außerhalb des explosionsgefährdeten Bereichs weiter vorgehen.
  4. Kein Abströmen: Brand löschen und Wärmequelle entfernen, Flasche aus sicherer Deckung auf unter 50 °C kühlen. 50 °C ist die Temperatur, bei der bei normaler Füllung höchstens 95 % des Volumens mit Flüssigphase gefüllt sind.
  5. Heiße Flasche nie bewegen: Kälterer Inhalt an der heißen Wand lässt mehr Flüssigphase verdampfen, der Druck steigt, das Ventil kann ansprechen oder die Flasche bersten. Erst abkühlen, dann bewegen. Die abgekühlte, dichte Flasche wird aus dem Gefahrenbereich geborgen und an einem sicheren Ort untergestellt, dabei weiter auf Explosionsgefahr achten.
  6. Nach dem Kühlen auf Dichtheit prüfen (Ex-Warngerät, Lecksuchspray). Undichte Flasche nicht bewegen, den Inhalt abströmen lassen und gut durchlüften, auf Explosionsschutz und Eigensicherung achten.

Unterschiede auf einen Blick

  • Acetylen: Zerfall kann weiterlaufen, auch ohne Wärmequelle. Lange kühlen und beobachten, nie bewegen, solange warm. Aufschießen nicht empfohlen.
  • Flüssiggas: Gefahr nur durch Erwärmung und Druck. Nach dem Abkühlen keine Berstgefahr mehr, aber Dichtheit und Explosionsschutz beachten.
  • Beide: Bersten möglich, Deckung, Abstand, autonomer Wasserwerfer, Gefahrenbereich nach Lage.

Siehe auch