Brandbekämpfung zur Menschenrettung

Brandeinsätze

Das Wichtigste in Kürze

  • Brandbekämpfung zur Menschenrettung: Retten und Löschen werden nicht mehr scharf getrennt. Wer das Feuer schnell direkt bekämpft und Wärme und Rauch abführt, rettet meist mehr Menschen als jemand, der ohne Wasser durch die Wohnung sucht.
  • Wasser in den Brandraum hilft immer: Es senkt Wärmefreisetzung, Temperatur und giftigen Rauch. Voraussetzung ist eine Abluftöffnung, damit Wasserdampf abziehen kann.
  • Fensterimpuls: Ist ein Fenster schon zerstört und Rauch und Flammen schlagen heraus, gibt man von außen 10 bis 30 Sekunden Vollstrahl unter die Decke (über 200 l/min). Das ist ein Sprinkler-Effekt. Dann den Außenangriff stoppen, wenn der Trupp die Tür zur Wohnung öffnet.
  • Nie gleichzeitig Außen- und Innenangriff. Das gefährdet den Trupp.
  • Geschlossene Türen retten Leben: Eine Tür zwischen Feuer und vermissten Personen hält Wärme, Gifte und Gase oft für die ganze Einsatzzeit ab. Wer sie öffnet, nimmt diese Barriere weg.
  • Suchreihenfolge: zuerst Brandraum, dann Räume mit offener Tür, zuletzt Räume mit bisher geschlossener Tür. Personen auf dem Angriffsweg werden sofort gerettet.
Fensterimpuls
10 bis 30 Sekunden Vollstrahl, über 200 l/min, unter die Decke des Brandraums
Hohlstrahlrohr bei hoher Wärmefreisetzung
Über 150 l/min
Gefährdungsbereich grün (sicher)
Bis 100 °C, bis 1 kW/m², bis 25 min
Gefährdungsbereich gelb (unsicher)
Bis 120 °C, bis 3 kW/m², bis 10 min
Gefährdungsbereich rot (gefährlich)
Bis 160 °C, bis 4 kW/m², etwa 1 min
Temperatur im Vollbrand
Bis etwa 1000 °C unter der Decke
Suchreihenfolge
1 Brandraum, 2 Raum mit offener Tür, 3 Raum mit geschlossener Tür

Warum sich das Bild geändert hat

  • Moderne Wohnungen brennen anders: viele Kunststoffe erhöhen Rauchmenge, Brandausbreitung und Wärmefreisetzung stark. Die Brandverlaufskurve von früher zeigt das nicht gut.
  • Gebäude sind dicht, gut gedämmt, mit mehrfach verglasten Fenstern. Die Wärme geht nicht mehr raus, es entstehen mehr Kohlenstoffmonoxid und brennbare Pyrolysegase. Tests in den USA (zum Beispiel an Gebäuden auf Governors Island) zeigen den modernen, kürzeren Brandverlauf.
  • Die Studien (zum Beispiel von UL und NIST) legen nahe: Zügig löschen und kontrolliert lüften erhöht die Überlebenschance stärker als eine lange Suche im Rauch.

Löschmethoden

  • Direkte Brandbekämpfung: Wasser geht möglichst direkt aufs Brandgut. Ziel ist, so viel Wasser auf einmal aufzubringen, dass es kaum verdampft, sondern vor allem erwärmt wird. Das verringert Brand, Wärme, Atemgifte, Sichtbehinderung und Wasserdampf.
  • Indirekte Brandbekämpfung: Wasser verdampft im Raum und senkt die Temperatur. Sie bereitet die direkte Brandbekämpfung vor, denn am Brandherd wird weiter Wärme nachgeliefert.
  • Außenbrandbekämpfung: Strahlrohr oder Werfer von außen. Der Strahl trifft den Herd wegen Einbauten und Winkeln selten direkt, kühlt aber den Raum.
  • Der Fensterimpuls ist ein zeitlich begrenzter, abgestimmter Außenangriff als Vorbereitung für den zeitversetzten Innenangriff.

Erscheinungsbild beim Eintreffen

  • Fenster intakt: Die Einschätzung dauert länger. Schon ein gekipptes Fenster zeigt Rauch.
  • Rauch: Dichte, Volumen, Ausdehnung, Energie und Geschwindigkeit lassen sich leichter beurteilen als die Farbe. Schwarzer Rauch deutet auf unvollständige Verbrennung bei unter 1000 °C. Bei Luftzufuhr kann das Feuer stark beschleunigen.
  • Flammen aus dem Fenster: Im Vollbrand bis etwa 1000 °C unter der Decke.
  • Fenster ganz mit Flammen gefüllt: reine Abluftöffnung. Die Luft kommt von woanders (Strömungspfad).
  • Flammen oben, Luft unten ins Fenster: Schwerkraftströmung, das Fenster ist Ab- und Zuluft zugleich.
  • Nur Rauch: Es brennt (noch) nicht in der Rauchschicht. Ein Fensterimpuls ist nicht nötig, Wasser bereithalten.

Fensterimpuls richtig machen

  • Nur mit vorhandener Öffnung. Vollstrahl durch das Fenster unter die Decke, damit das Wasser im Raum verteilt wird. Die Temperatur sinkt schon nach 10 bis 30 Sekunden um mehrere hundert Grad.
  • Nicht mit Sprühstrahl: Er deckt das Fenster ab und verhindert, dass Wärme, Flammen und Dampf abziehen. Das verschiebt die Gefahrenbereiche negativ.
  • Zwischen Außen- und Innenangriff klar absprechen. Praxistipp am Verteiler: Beim Befehl „C-Rohr Wasser marsch“ für den Innenangriff schließt die Kraft am Verteiler gleichzeitig die Leitung für den Fensterimpuls.
  • Fenster von außen einschlagen? Nicht empfohlen. Ein zerstörtes Fenster kann nicht repariert werden, es schafft neue Strömungspfade, Flammen und Winddruck können zurückschlagen. Öffnungen schafft man besser von innen durch den vorgehenden Trupp.
  • Winddruckflamme und Winddruckstichflamme: Wind erhöht Temperatur und Wärmefreisetzung, der Raum ist überall gleich heiß, am Boden ist Aufenthalt nicht mehr möglich. Platzt dann eine Öffnung in Windrichtung, kann eine Stichflamme herausschießen.

Gefährdungsbereiche im Innenangriff

Die Bereiche gelten nur bei vollständiger PSA und umluftunabhängigem Atemschutz. Auch im grünen Bereich bleibt ein Restrisiko, die Grenzen verschieben sich jederzeit. Höhere Temperaturen und Wärmeübertragung lassen die Gefahr stark ansteigen.

  • Grün, sicher: Rauch möglich, bis 100 °C, bis 1 kW/m², Aufenthalt bis 25 Minuten.
  • Gelb, unsicher: Rauchgasdurchzündung und Wasserdampf möglich, Flammen, bis 120 °C, bis 3 kW/m², bis 10 Minuten.
  • Rot, gefährlich: hohe Durchzündungsgefahr, Raumdurchzündung, Rauchgasexplosion, extrem hohe Dampfbildung, bis 160 °C, bis 4 kW/m², etwa 1 Minute.

Die Bereiche verschieben sich durch das, was der Trupp tut:

  • Positiv: Fensterimpuls mit Vollstrahl, Rauchgaskühlung mit längerer Wasserabgabe, mechanische Lüftung.
  • Negativ: Sprühstrahl vor das Fenster, weitere Öffnungen oder das Öffnen der Wohnungstür (neuer Strömungspfad).
  • Für die Rauchschichtkühlung gelten längere Wasserabgaben von mehreren Sekunden heute als sicherer als reine Impulse. Das Sprühimpulskühlverfahren ist sehr ausbildungsintensiv und für Ungeübte unsicher.

Wasserdampf: weniger gefährlich als gedacht

  • Versuche (UL) zeigen: Wasserdampf verschlechtert die Verletzungsmuster der Personen im Raum nicht wesentlich. Wasser erhöht nicht die Temperatur, sondern die gefühlte Hitze, wie ein Aufguss in der Sauna. Die Absenkung der Raumtemperatur überwiegt.
  • Im Innenangriff ohne Wasserabgabe auf dem Weg zum Brandraum drohen Verletzungen, auch mit Schutzkleidung nach DIN EN 469.
  • Wichtig: Das gilt, wenn Abluft vorhanden ist. Hohlstrahlrohr bei hoher Wärmefreisetzung mehr als 150 l/min.

Taktische Ventilation

  • Aktive Ventilation: natürliche Lüftung (Querlüftung) bis maschinelle Belüftung als Erstmaßnahme oder maschinelle Entrauchung am Ende.
  • Aktive Antiventilation: Türkontrolle und Rauchvorhang steuern die Zuluft. Der Vorhang sollte früh gesetzt werden und lässt sich bei Bedarf hochbinden.
  • Abluftöffnungen wenn möglich zerstörungsfrei wählen, denn man kann sie jederzeit beeinflussen.
  • Erstmaßnahme nur, wenn Brandphänomene ausgeschlossen sind und die Strömungspfade sichergestellt und kontrolliert sind. Dann führt der Lüfter Atemgifte und Wärme nach außen und die Sicht wird besser. Das Feuer wird größer, aber das Fensterimpuls-Löschen kühlt den Raum genug.
  • Lüfter nach dem „Knock-down“ (Flammen am Herd niedergeschlagen) funktioniert gut, mit größtmöglicher Abluftöffnung.
  • Abluftöffnungen außerhalb des Brandraums oder zu kleine Öffnungen erzeugen ungewollte Rauchströmungen, saugen Feuer dorthin und machen die Rettungsbelüftung wirkungslos.

Ablauf mit vorhandener Ventilationsöffnung

  1. Allseitig erkunden, Brandraum und Strömungspfade identifizieren.
  2. Fensterimpuls 10 bis 30 Sekunden Vollstrahl, während der Angriffstrupp Schlauchmanagement macht.
  3. Öffnet der Trupp die Wohnungstür: Außenangriff stoppen. Rauchvorhang in die Tür setzen, Lüftung vorbereiten.
  4. Bei sicherem Strömungspfad geht der Trupp unter laufender Lüftung zur direkten Brandbekämpfung vor.
  5. Personen auf dem Weg sofort retten, alle anderen erst nach der Brandbekämpfung, dann in der Reihenfolge Brandraum, offene Tür, geschlossene Tür.

Mit geringer oder ohne Ventilationsöffnung (kein Flammenaustritt): erkunden, gegebenenfalls durch die Tür mit Nebellöschsystem oder Schneidlöschgerät Wasser einbringen und eine Abluftöffnung von innen schaffen. Der Trupp steht im Treppenraum mit Wasser am Rohr, um bei herausschlagenden Flammen zu löschen und die Tür wieder zu schließen.

Tür öffnen: eine Entscheidung

  • Geschlossene Räume halten die Überlebenschance hoch, manchmal die ganze Einsatzzeit.
  • Vor dem Öffnen prüfen, ob erst ein Löschangriff sinnvoll ist. Die Konzentration von Wärme und Gasen soll durch Brandbekämpfung und Abluft sinken, bevor man die Tür öffnet.
  • Nach dem Betreten die Tür ohne Schlauchleitung wieder schließen. Bei laufender Lüftung steigt die Gefahr durch das Türöffnen nicht.
  • Ähnlich bleiben Personen im Tunnelbrand in ihren Fahrzeugen, solange eine „Atemluftblase“ besteht.

Schutz und Hygiene

  • PSA nur richtig angelegt schützt. Hitzestress und die Grenzen der Schutzkleidung (Durchwärmung, Schweiß) müssen alle kennen. Nach massiver Exposition Überbekleidung zügig ablegen, niemand soll in seiner Atemgiftwolke stehen.
  • Einsatzstellenhygiene: Haut reinigen, Einmalhandschuhe und FFP3, kontaminierte Teile getrennt und möglichst in eigenen Fahrzeugen transportieren. Einsatzkleidung nicht in der Haushaltswaschmaschine waschen.

Siehe auch