Das Wichtigste in Kürze
- Eine Quelle reicht nie. Stoffnamen, UN-Nummer und Kennzeichnung liefern den Einstieg, Datenbanken und Nachschlagewerke die Details.
- Wichtige Quellen im C-Einsatz: Sicherheitsdatenblatt, GESTIS-Stoffdatenbank, MEMPLEX, Hommel, TUIS, Giftinformationszentrum, AEGL- und PAC-Werte.
- Grenzwerte beantworten drei Fragen: Was ist am Arbeitsplatz dauerhaft zulässig (AGW), was ist im Notfall kurzzeitig tolerierbar (AEGL, PAC, ERPG), wann wird es lebensgefährlich?
- Vergiftung oder Verletzung? Das Giftinformationszentrum erreicht man rund um die Uhr. Für Berlin und Brandenburg: 030 19240 (Giftnotruf der Charité).
- Quellen kritisch nutzen: Datenstand prüfen, Stoffnamen und Nummern abgleichen, im Zweifel Fachberatung nachfordern.
- GESTIS-Stoffdatenbank
- Rund 8.800 Stoffe, öffentlich, Träger IFA der DGUV
- GESTIS-Biostoffdatenbank
- Rund 19.500 Biostoffe
- Hommel
- Handbuch der gefährlichen Güter, über 3.500 Merkblätter
- MEMPLEX
- Gefahrstoffdatenbank mit Modulen, zum Beispiel Ausbreitungsmodell MET
- TUIS
- Transport-Unfall-Informations- und Hilfeleistungssystem der chemischen Industrie
- AEGL
- Drei Stufen, fünf Zeiten von 10 min bis 8 h
- Giftnotruf Berlin und Brandenburg
- 030 19240
Warum Informationsquellen?
Bei einem Einsatz mit Gefahrstoffen reicht die Kennzeichnung (Gefahrzettel, UN-Nummer, Kemler-Zahl) nur für die Ersterkundung. Für Entscheidungen zu Schutzausrüstung, Absperrbereich, Löschmittel, Dekontamination und Medizin braucht man verlässliche Stoffinformationen. Dazu gibt es Nachschlagewerke, Datenbanken und Beratungsstellen. Man wählt nach Lage die Quelle mit der besseren Informationsqualität, dann sind einfachere Quellen nicht mehr nötig.
Quellen je nach Gefahrengruppe
- A-Einsatz (atomar): Strahlenschutzmodul von MEMPLEX (SISy), Bundesamt für Strahlenschutz, Landesumweltämter, ermächtigte Ärzte nach Strahlenschutzrecht, Karlsruher Nuklidkarte.
- B-Einsatz (biologisch): GESTIS-Biostoffdatenbank, Merkblätter Biologische Arbeitsstoffe, Robert Koch-Institut, Gesundheitsämter, Veterinärämter, Biomodul in MEMPLEX, Kompetenzzentren für hochansteckende Erkrankungen, Giftinformationszentrum.
- C-Einsatz (chemisch): MEMPLEX, GESTIS-Stoffdatenbank, Handbuch der gefährlichen Güter (Hommel), Sicherheitsdatenblätter, TUIS, Flüssiggas-Sicherheitsdienst (FSD), Beständigkeitslisten der Materialhersteller, AEGL- und PAC-Werte, die Dräger VOICE-Datenbank, bei Schiffen der Wasserstraßen-Informationsdienst ELWIS, das Giftinformationszentrum. Die Liste ist nicht abschließend.
Nachschlagewerke (Papier und digital)
- Handbuch der gefährlichen Güter (Hommel): Standardwerk, ursprünglich für die Wasserschutzpolizei Baden-Württemberg gedacht, heute über 3.500 Merkblätter in 13 Ordnern. Es gibt auch die elektronische Fassung „Hommel interaktiv“.
- Merkblätter Biologische Arbeitsstoffe: über 220 Merkblätter zu Viren, Bakterien, Pilzen, Parasiten, Prionen und gentechnisch veränderten Organismen: Eigenschaften, Risikogruppe, Infektionswege, Schutzmaßnahmen, Diagnostik, Meldepflichten, Entsorgung.
- Sicherheitsdatenblatt (SDB): Pflichtdokument des Herstellers, gliedert sich in 16 Abschnitte (zum Beispiel Einstufung, Maßnahmen zur Brandbekämpfung, Maßnahmen bei unbeabsichtigter Freisetzung, Handhabung, Eigenschaften, Toxikologie). Im Objekt zuerst nachfragen und mitnehmen.
Datenbanken und Auskunftssysteme
- MEMPLEX: Gefahrstoffdatenbank mit Modulen für Feuerwehr, Rettungsdienst, Medikamente, Dekontamination, Biostoffe, Strahlenschutz (SISy) und Ausbreitungsmodell MET für toxische Gase, dazu Kartenschnittstellen. Länder können Landeslösungen lizenzieren.
- GESTIS-Stoffdatenbank (IFA der DGUV): kostenfrei, rund 8.800 Stoffe. Wirkung auf den Menschen, Schutzmaßnahmen, Erste Hilfe, physikalisch-chemische Daten, GHS-Einstufung nach CLP-Verordnung. Auch für Einsatzkräfte und Notärzte gedacht. Die GESTIS-Biostoffdatenbank enthält rund 19.500 Biostoffe.
- ChemInfo und Gefahrstoffschnellauskunft (GSA): Informationssystem Chemikalien von Bund und mehreren Ländern (rund 51.000 Reinstoffe, rund 26.000 Gemische). Die GSA ist ein Teilbestand für Einsatzkräfte als Online-Anwendung, Offline-Programm und App, kostenlos, aber nur nach Registrierung und für Behörden und Organisationen mit Sicherheitsaufgaben. Die App „Chemie im Alltag“ ist für die Öffentlichkeit gedacht.
- IGS (LANUV NRW): kostenlose Datenbank mit Versionen für Ersteinsatzkräfte (IGS-Fire, mit Registrierung), Behörden und Öffentlichkeit.
- RESY (Hamburg): Ersteinsatzinformationssystem mit rund 4.500 Stoffen, Ausbreitungsmodellen und Installation auf dem Notebook, ursprünglich für den Hafen.
- Datenbank GEFAHRGUT der BAM: aufbereitete Informationen aus den Gefahrgutvorschriften. Teile sind kostenlos (Gefahrgut-Schnellinfo), die umfangreiche Recherche ist kostenpflichtig, ein Modul für radioaktive Stoffe ist frei.
- Beratung: TUIS (Hilfe der chemischen Industrie bei Transportunfällen), Flüssiggas-Sicherheitsdienst, Giftinformationszentrum (medizinische Fragen). Im Einsatzbefehl und in der Leitstelle festhalten, wer erreichbar ist.
Einsatztoleranz- und Grenzwerte
Alle Werte gelten für Konzentrationen in der Luft. Vor der Anwendung prüfen, welchen Zweck der Wert hat.
- Arbeitsplatzgrenzwert (AGW): gilt für gesunde Beschäftigte, 8 Stunden am Tag, 5 Tage die Woche, nicht für Notfälle oder die Bevölkerung. Im Einsatz nur als Orientierung.
- AEGL (Acute Exposure Guideline Levels): Werte für die Allgemeinbevölkerung bei einmaliger Belastung, in fünf Zeitstufen: 10 min, 30 min, 60 min, 4 h, 8 h. Dazu drei Schweregrade:
- AEGL-1: deutliches Unbehagen, Reizung oder symptomlose Wirkung, vorübergehend und umkehrbar.
- AEGL-2: schwere, bleibende Gesundheitsschäden oder Beeinträchtigung der Fluchtfähigkeit.
- AEGL-3: lebensbedrohliche Wirkung oder Tod.
- PAC-Werte (Protective Action Criteria): Sammlung des US-Energieministeriums mit PAC-1, PAC-2 und PAC-3 für 60 Minuten. Sie nutzen AEGL, wenn vorhanden, sonst ERPG und sonst TEEL. So gibt es für viele Stoffe einen Wert, auch wenn kein AEGL festgelegt wurde.
- ERPG: Werte der US-Industrie (drei Stufen, 60 Minuten), werden nur noch für Stoffe ohne geplantes AEGL erarbeitet. TEEL sind vorläufige, schnell abgeleitete Werte.
- Praxis: Man vergleicht gemessene oder berechnete Konzentrationen mit den Stufen. Bei AEGL-2 und höher sind Schutz- und Rettungsmaßnahmen zu treffen. Die Rangfolge der Zuverlässigkeit ist AEGL vor ERPG vor TEEL. Einsatztoleranzwerte (ETW) und %UEG ergänzen die Bewertung bei Messungen.
Wichtige Stoffeigenschaften lesen können
Aus den Quellen liest man vor allem diese Kennwerte:
- Flammpunkt: niedrigste Temperatur, bei der sich über der Flüssigkeit ein zündfähiges Dampf-Luft-Gemisch bildet. Unter dem Flammpunkt kann der Stoff nicht gezündet werden.
- Zündtemperatur: Temperatur, bei der sich das Gemisch von selbst entzündet, ohne Zündquelle.
- Explosionsgrenzen (UEG/OEG): Konzentrationsbereich in Luft, in dem ein Gemisch explosionsfähig ist. Messgeräte zeigen oft %UEG.
- Siedepunkt und Dampfdruck: Wie leicht der Stoff verdampft. Niedriger Siedepunkt und hoher Dampfdruck heißen viel Dampf und schnelle Ausbreitung.
- Dichte (relativ zu Luft): Schwerer als Luft sammelt sich am Boden und in Vertiefungen, leichter als Luft steigt auf. Bei Flüssigkeiten entscheidet die Dichte gegenüber Wasser, ob der Stoff schwimmt oder absinkt.
- Löslichkeit in Wasser: wichtig für Löschmittel, Löschwasser und Gewässerschutz.
- pH-Wert: unter 7 sauer, über 7 basisch (laugig), beides kann ätzen.
- GHS-Piktogramme und H-Sätze: zeigen Gefahrenklassen und Gefahrenhinweise auf Etiketten und im Sicherheitsdatenblatt.
Gute Praxis bei der Recherche
- Mit der Identifikation starten: Name, UN-Nummer, CAS-Nummer und Kemler-Zahl. Verwechslungen ähnlicher Namen vermeiden.
- Mehr als eine Quelle nutzen und bei Unterschieden die fachlich höherwertige bevorzugen. Datenstand prüfen.
- Ziel der Frage klären: Brand, Freisetzung, Medizin, Dekontamination, Gewässer? Dazu passt die jeweilige Quelle.
- Informationen sofort an die Einsatzleitung und an Betroffene weitergeben, die Maßnahmen ableiten.
- Fachberatung (TUIS, Giftinformationszentrum, Hersteller, Fachberater Chemie) früh anfordern, besonders bei unbekannten Gemischen.
- Vorab üben: Wer die Datenbank erst im Einsatz kennenlernt, verliert Zeit. Zugänge und Lizenzen (zum Beispiel für GSA oder MEMPLEX) vor dem Einsatz klären.