Gehirn und neurologische Notfälle

First Responder

Das Wichtigste in Kürze

  • Das Gehirn steuert Bewusstsein, Bewegung, Atmung und Kreislauf. Störungen zeigen sich im xABCDE-Schema bei D (Disability). Der Schädel ist starr: Jede Blutung im Kopf drückt auf das Gehirn (Hirndruck).
  • Eine Störung in der linken Gehirnhälfte zeigt sich auf der rechten Körperseite, weil die Bahnen kreuzen. Lähmung oder Gefühlsstörung nur auf einer Seite spricht deshalb für Schlaganfall oder Blutung.
  • Kopfverletzung, erst wach, dann zunehmend müde, verwirrt oder erbrechend: an Hirnblutung denken, höchste Dringlichkeit. Blutverdünner und hohes Alter erhöhen das Risiko.
  • Krampfanfall über 5 Minuten (Status epilepticus) ist ein Notfall. Fieber, Kopfschmerz, steifer Nacken und Hautflecken: Verdacht auf Meningitis, Eigenschutz mit Maske.

Aufbau und Schutz

  • Einteilung: Das zentrale Nervensystem besteht aus Gehirn und Rückenmark. Das periphere leitet Informationen zwischen Zentrale und Körper. Das vegetative Nervensystem steuert Organe ohne unseren Willen.
  • Vier Schutzeinrichtungen des Gehirns: Schädelknochen, drei Hirnhäute (hart, spinnwebartig, weich), Liquor (Hirnwasser als Polster) und die Blut-Hirn-Schranke.
  • Wichtige Bereiche: Das Großhirn mit vier Lappen (Stirn: Bewegung und Sprache, Scheitel: Körperempfindung, Schläfe: Hören und Gedächtnis, Hinterhaupt: Sehen). Das Kleinhirn regelt Gleichgewicht und Koordination. Der Hirnstamm steuert Atmung und Kreislauf.
  • Kreuzung der Bahnen: Der Bewegungsbefehl kreuzt auf die Gegenseite. Eine Schädigung links macht Ausfälle rechts.
  • Schutzreflexe: Husten, Würgen und Schlucken fallen bei tiefer Bewusstlosigkeit aus. Deshalb droht Ersticken an Erbrochenem oder der Zunge. Die stabile Seitenlage soll das verhindern.
  • Sympathikus und Parasympathikus: Der Sympathikus bereitet auf Kampf oder Flucht vor (Puls hoch, Bronchien weit). Der Parasympathikus fördert Ruhe und Verdauung (Puls runter).

Blutungen im Kopf

  • Epidurale Blutung: zwischen Schädel und harter Hirnhaut, meist nach Schlag auf die Schläfe, wenn eine Arterie reißt. Typisch: kurz bewusstlos, dann wieder wach (freies Intervall), danach rasche Verschlechterung. Das freie Intervall muss aber nicht auftreten.
  • Subdurale Blutung: unter der harten Hirnhaut, meist aus Venen, oft langsam. Besonders bei älteren Menschen und Blutverdünnern, auch nach kleinen Stürzen. Beschwerden können erst nach Tagen auftreten: Kopfschmerz, Verwirrtheit, Schläfrigkeit, Gang- oder Sprachstörung.
  • Subarachnoidalblutung: unter der Spinnwebshaut, oft durch ein geplatztes Aneurysma. Plötzlicher, stärkster Kopfschmerz (Vernichtungskopfschmerz), Nackensteife, Erbrechen, Lichtscheu, Krampf oder Bewusstseinsstörung.
  • Blutung im Hirngewebe: häufig bei Bluthochdruck, ähnlich dem Schlaganfall, aber mit mehr Übelkeit, Erbrechen und rasch zunehmender Eintrübung.
  • Warnzeichen: plötzlicher stärkster Kopfschmerz, Bewusstseinsveränderung, einseitige Schwäche, hängender Mundwinkel, Sprach- oder Sehstörung, ungleich weite Pupillen (Anisokorie), Krampf.
  • Risikofaktoren: Bluthochdruck, Aneurysma, Kopfverletzung (auch zurückliegend), gerinnungshemmende Medikamente (Marcumar, Apixaban, Rivaroxaban, Heparin, auch ASS).
  • Einordnung: Am Telefon und am Einsatzort lässt sich Hirnblutung nicht sicher von Schlaganfall, Unterzuckerung, Migräne, Krampf oder Meningitis trennen. Alarmierung nicht verzögern.
  • Maßnahmen: Betroffene nicht allein lassen, nichts essen oder trinken lassen, Oberkörper leicht erhöht, bei Bewusstlosigkeit mit Atmung stabile Seitenlage, Zeitpunkt des Beginns festhalten (zuletzt gesund gesehen). Siehe Schlaganfall, Herzinfarkt und andere Notfälle.

Krampfanfall

  • Anfall: Plötzliche Entladung im Gehirn mit Einschränkung von Bewusstsein, Wahrnehmung oder Bewegung. Ein einzelner Gelegenheitsanfall ist noch keine Epilepsie.
  • Formen: Fokal (Beginn lokal, Bewusstsein erhalten oder gestört) oder generalisiert (beide Hälften von Beginn an, Bewusstsein gestört).
  • Typischer Ablauf: Sturz, Versteifung, rhythmisches Zucken, Schaum vor dem Mund, oft Atemstillstand mit blauen Lippen. Danach Nachschlafphase mit Verwirrtheit.
  • Zeichen eines abgelaufenen Anfalls: Zungenbiss (oft seitlich), Einnässen, Verletzung beim Sturz, Nachschlaf mit Verwirrtheit. Eine vorübergehende Lähmung nach dem Anfall (Todd'sche Lähmung) darf nicht mit einem Schlaganfall verwechselt werden.
  • Auslöser außer Epilepsie: Fieber (Fieberkrampf bei Kleinkindern), Drogen, Vergiftung, Entzug von Alkohol oder Drogen, Unterzuckerung, Elektrolytstörungen, Schlafentzug, Kopfverletzung, Meningitis.
  • Status epilepticus: Anfall länger als 5 Minuten oder mehrere Anfälle hintereinander ohne volle Erholung. Medizinischer Notfall.
  • Was du tust: Ruhe bewahren, Zeit messen, Gegenstände wegräumen, Kopf weich unterlegen, enge Kleidung öffnen, Brille abnehmen. Nach dem Anfall Atmung prüfen und bei Bewusstlosigkeit mit Atmung stabile Seitenlage.
  • Was du nicht tust: Person nicht festhalten, nichts in den Mund stecken, nichts einflößen.
  • Warnzeichen: erster Anfall, länger als 5 Minuten, mehrere Anfälle, Verletzung, Schwangerschaft, keine Atmung danach.

Meningitis: Hirnhautentzündung

  • Meningitis entzündet die Hirnhäute, Enzephalitis das Hirngewebe, beides zusammen heißt Meningoenzephalitis.
  • Bakteriell oder viral: Die bakterielle Form (zum Beispiel Meningokokken, Pneumokokken) ist lebensgefährlich und kann in wenigen Stunden zu Schock, Hirnschaden oder Tod führen. Virale Formen sind meist milder. Jede vermutete Meningitis gilt zunächst als bakteriell und ansteckend.
  • Klassische Trias: hohes Fieber, schmerzhafte Nackensteife beim Vorbeugen des Kopfes, Bewusstseinsstörung.
  • Begleitzeichen: Kopfschmerz, Lichtscheu, Lärmempfindlichkeit, schwallartiges Erbrechen (Hirndruck).
  • Alarmzeichen Petechien: stecknadelkopfgroße rotviolette Hautblutungen, die auf Druck nicht verblassen (Glasspatel- oder Glastest). Zusammen mit Fieber und Eintrübung besteht Verdacht auf Meningokokken-Sepsis (Waterhouse-Friderichsen-Syndrom): Gerinnungsverbrauch, innere Blutungen, Schock, Tod in wenigen Stunden.
  • Risikogruppen: Säuglinge (oft untypisch: Trinkschwäche, vorgewölbte Fontanelle, Nackensteife meist fehlend), Jugendliche und junge Erwachsene in Gemeinschaftseinrichtungen, ältere und immungeschwächte Menschen, Menschen ohne Milz.
  • Übertragung: Bakterien meist als Tröpfcheninfektion, Viren auch über Schmierinfektion oder Zeckenstich (FSME).
  • Eigenschutz: FFP2- oder FFP3-Maske vor dem Betreten, der Person wenn möglich einen Mund-Nasen-Schutz anlegen. Bei ungeschütztem Kontakt mit Sekreten (zum Beispiel Beatmung ohne Schutz) ärztlich Vorbeugung abklären.
  • Maßnahmen: Notarzt, Oberkörper etwa 30 Grad hoch, schonender Transport, Voranmeldung in der Klinik.

Unterzucker als Nachahmer

  • Unterzuckerung kann Schlaganfall, Krampf oder Rausch vortäuschen. Bei verwirrten, schwitzenden, zitternden oder bewusstlosen Personen, besonders bei bekanntem Diabetes, immer Blutzucker messen.
  • Frühzeichen: Heißhunger, Schwäche, Zittern, kalter Schweiß, schneller Puls. Spätzeichen: Verwirrtheit, Aggressivität, Bewusstseinsstörung bis Koma.
  • Wach und schluckfähig: Traubenzucker oder gesüßtes Getränk (kein Light-Produkt) in kleinen Schlucken, nach etwa 15 Minuten erneut messen. Schläfrig oder bewusstlos: nichts einflößen, stabile Seitenlage. Siehe Schlaganfall, Herzinfarkt und andere Notfälle.

Was heißt das für dich?

  • Einseitige Ausfälle sprechen für das Gehirn, auf der Gegenseite.
  • Kopfverletzung plus Eintrübung: sofort alarmieren.
  • Krampf: Zeit messen, schützen, nicht festhalten.
  • Fieber, steifer Nacken, Hautflecken: Maske auf, Notarzt.

Siehe auch: Beurteilung nach xABCDE, Merkschemata, Kindernotfälle, Schockformen.

Zentrales Nervensystem
Gehirn und Rückenmark
Peripheres Nervensystem
alle Nerven außerhalb von Gehirn und Rückenmark
Hirnhäute
Dura mater (außen), Arachnoidea (Mitte), Pia mater (innen)
Epidurale Blutung
Schlag auf die Schläfe, freies Intervall, danach rasche Verschlechterung
Subdurale Blutung
oft langsam, ältere Menschen und Blutverdünner
Subarachnoidalblutung
plötzlicher stärkster Kopfschmerz des Lebens
Status epilepticus
Anfall länger als 5 Minuten oder Anfälle ohne volle Erholung
Meningitis-Trias
hohes Fieber, Nackensteife, Bewusstseinsstörung
Petechien
rotviolette Hautblutungen, verblassen unter Druck nicht
Oberkörper bei Hirndruck
etwa 30 Grad hoch

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