Kindernotfälle und Kinderreanimation

First Responder

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein Kind ist kein kleiner Erwachsener. Neugeborene sind 1. bis 28. Tag, Säuglinge 2. bis 12. Monat, Kinder ab dem 2. Jahr bis zur Pubertät.
  • Kinder kippen nach kurzen, unscheinbaren Warnzeichen plötzlich um. Warnzeichen: Atemnot, schnelle Atmung, Husten, laute Atemgeräusche, blaue Haut, Bauchschmerz, Durchfall und Erbrechen. Alarm: Schreiattacken bei Säuglingen, Bewusstseinsstörung, Krampf, plötzliche Ausfälle, unklarer Ausschlag, Vergiftung, Verbrennung, Unterkühlung, sehr hohes Fieber.
  • Hektik vermeiden. Weniger ist oft mehr. Eltern aufklären, beruhigen und einbeziehen. Sie reagieren oft panisch und tun deshalb notwendige Erste Hilfe nicht.
  • Wiederbelebung nach ERC 2025: erst 5 Beatmungen, dann 15:2 (wer in Kinder-Basismaßnahmen geschult ist, sonst 30:2). Drücktiefe mindestens ein Drittel des Brustkorbdurchmessers, höchstens 6 cm, 100 bis 120 pro Minute.
  • Kein Schütteln: Das Schütteltrauma zerreißt Brückenvenen und führt zu schwersten Hirnblutungen. Wir sind nicht die Richter, wir helfen und melden weiter.

Besonderheiten des Kindes

  • Atemwege: kurz und eng, Kehlkopf liegt höher, Zwerchfellhochstand, horizontale Rippenstellung, elastischer Brustkorb, erhöhte Reizbarkeit des Vagusnervs. Überstreckst du den Kopf, können die Atemwege verlegt werden.
  • Herz und Kreislauf: Blutvolumen etwa 80 ml pro kg. Das Herzminutenvolumen steigt zunächst nur über die Frequenz. Normwerte etwa 90/60 mmHg, Herzfrequenz etwa 120. Bradykardie und Dekompensation treten schnell und plötzlich auf.
  • Flüssigkeit: Je jünger, desto größer der Flüssigkeitsanteil und der Umsatz (Säugling trinkt täglich etwa ein Sechstel, Erwachsene ein Zwanzigstel der Körpermasse). Durchfall, Erbrechen und Fieber führen schnell zur Austrocknung.
  • Wärme: Körperoberfläche gewichtsbezogen etwa 3-mal größer, wenig Unterhautfett, dünne Haut, kein Muskelzittern. Gefahr der Über- und vor allem der Unterkühlung, mit höherem Sauerstoffbedarf, Übersäuerung, Unterzucker und Hirnschäden.
  • Kreislaufumstellung bei der Geburt: Vor der Geburt gibt es eine Öffnung in der Herzscheidewand, nach der Geburt schließen sich Öffnung und Gefäße durch die Ausdehnung der Lunge.

Häufige Kindernotfälle

  • Akute Atemnot, Verschlucken, Krampfanfälle, plötzlicher Säuglingstod, Schmerzen, Unfälle, Vergiftungen.
  • Verschlucken (Bolus): meist beobachtet, plötzlich beim Essen oder Spielen mit Kleinteilen. Säugling: 5 Rückenschläge in Bauchlage mit dem Kopf tiefer, dann 5 Thoraxkompressionen, keine Oberbauchstöße. Siehe Atemnot.
  • Affektkrampf (Schreikrampf): nach Angst, Wut, Schmerz oder Schreck erst Schreien, dann Atemanhalten mit tiefer Blaufärbung, manchmal Krampf oder kurze Bewusstlosigkeit, dann löst sich die Spannung und die Atmung setzt wieder ein. Beruhigen, Vitalwerte kontrollieren, Eltern einbeziehen. Notarzt selten nötig.
  • Austrocknung: durch weniger Trinken, Fieber, Erbrechen, Durchfall, Verbrennungen, Hitzschlag. Vorsichtig Flüssigkeit geben.
  • Dreitagefieber: Fieber bis 40 °C, Gefahr eines Fieberkrampfs, Verlauf harmlos. Windpocken: meist harmlos, gefährlich bei Erwachsenen, Schwangeren und Neugeborenen.

Pseudokrupp und Epiglottitis

  • Pseudokrupp: meist unter 3 Jahren. Allmählicher Beginn, leichtes Fieber, Heiserkeit, bellender Husten, pfeifendes Einatmen, später Einziehungen. Kühle Getränke werden noch angenommen.
  • Anleiten (Telefon): mit dem Kind an den geöffneten Kühlschrank, Ruhe ausstrahlen, Kind aufrecht auf den Arm oder Schoß nehmen, kühle frische Luft (Fenster oder kurz nach draußen), enge Kleidung öffnen, verordnetes Notfallmedikament nur nach ärztlicher Anweisung. Nicht tun: nichts in den Mund geben, nicht in den Rachen schauen, nicht hinlegen, keinen heißen Dampf. Warnzeichen: starke Atemnot, Einziehungen, blaue Lippen, Speicheln, Kind wird schlaff.
  • Epiglottitis: meist über 3 Jahre. Hohes Fieber (39 bis 40 °C), Halsschmerz, Schluckbeschwerden, kloßige und leise Stimme („heiße Kartoffel im Mund“), offener Mund, kaum Husten, zunehmende Atemnot, schwerkrankes Aussehen. Sofort Notarzt, das Kind nie zum Liegen zwingen, nicht in den Rachen schauen, keine unnötige Manipulation.

Fieberkrampf und Krampfanfälle

  • Fieberkrampf: 6 Monate bis 5 Jahre, 3 bis 4 Prozent der Kinder, meist beim ersten Fieberanstieg. Dauer meist 5 bis 10 Minuten, Bewusstlosigkeit, schlaffes Kind danach.
  • Maßnahmen: Ruhe bewahren, nicht festhalten, weicher Untergrund, Gegenstände wegräumen, Kopf polstern, Dauer messen, flache Seitenlage, enge Kleidung öffnen, nicht warm einpacken, nach dem Krampf Atmung prüfen (bewusstlos mit Atmung: stabile Seitenlage, keine Atmung: Kinderreanimation).
  • Nicht tun: nichts in den Mund schieben, nichts einflößen, nicht in kaltes Wasser legen. Warnzeichen: erster Krampf, länger als 5 Minuten, mehrere Krämpfe, Kind wacht nicht auf, blaue Lippen, Nackensteife, jünger als 6 Monate.
  • Ursachen kindlicher Krämpfe: Epilepsie, Entzündungen des Nervensystems, Tumore, Vergiftung, Fehlbildungen. Bei Dauer über 5 Minuten gibt der Rettungsdienst krampflösende Medikamente.

Vergiftung beim Kind

  • Waschmittel-Kapseln sehen aus wie Süßigkeiten. Kein Erbrechen auslösen, keine Milch, kein Salzwasser, Kind nicht hinlegen.
  • Anleiten: Ruhe, Kind aufrecht halten, Produkt, Verpackung und Reste bereitlegen, Name, Menge und Uhrzeit notieren, Mund ausspülen und ausspucken lassen, bei wachem Kind wenige kleine Schlucke Wasser oder ungesüßten Tee, Giftinformationszentrum einbeziehen (Entschäumer nur auf dessen Anweisung). Spritzer im Auge etwa 10 Minuten spülen, auf der Haut abwaschen. Warnzeichen: Husten, Atemnot, Schaum vor dem Mund, Erbrechen, Schläfrigkeit, Krampf, Reiniger mit Säure oder Lauge.
  • Häufige Vergiftungen insgesamt: Alkohol (Unterkühlung möglich, Eigenschutz bei aggressiven Personen, Blutzucker kontrollieren, Alkoholentzugsdelir beachten), Arzneimittel (meist in suizidaler Absicht, bei Kindern aus Neugier), Drogen (enge Pupillen bei Opiaten, weite bei Kokain, Erregung, Selbst- und Fremdgefährdung).

Kindesmisshandlung und Schütteltrauma

  • Hinter jedem ungewöhnlichen Unfallhergang steckt nicht gleich eine Misshandlung. Zeichen musst du aber wahrnehmen, beachten und weiterleiten.
  • Zeichen: Gedeihstörungen, alte Verletzungen (Narben, Striemen, Bisse), versteckte Verletzungen (Gesäß, Rücken), Verletzungen an untypischen Stellen, Verhaltensauffälligkeiten.
  • Schütteltrauma: Das Gehirn des Säuglings ist flüssigkeitsreich und schwer, beim Schütteln verschiebt es sich, Brückenvenen können zerreißen, schwerste Hirnblutungen. Auslöser ist oft Überforderung beim anhaltenden Schreien.

Wiederbelebung bei Kindern (ERC 2025)

  • Kinder vertragen Sauerstoffmangel etwas besser, die Beatmung steht im Vordergrund. Je kleiner das Kind, desto weniger überstreckst du den Kopf: Säugling Neutralposition, ältere Kinder stärker, Jugendliche wie Erwachsene.
  • Ablauf: Kind ansprechen und anfassen (keine Schmerzreize), 112, Atmung höchstens 10 Sekunden prüfen. 5 Beatmungen zu Beginn, dann sofort 15 Kompressionen. Verhältnis 15:2, wenn du in Kinder-Basismaßnahmen geschult bist, sonst 30:2. Nur drücken, wenn du nicht beatmen willst oder kannst.
  • Drücken: untere Hälfte des Brustbeins. Säugling: zwei Daumen (Zangengriff). Kind über 1 Jahr: ein oder zwei Hände. Frequenz 100 bis 120 pro Minute. Tiefe mindestens ein Drittel des Brustkorbdurchmessers, nie über 6 cm, bei Jugendlichen 5 bis 6 cm. Voll entlasten.
  • AED: Kinder-Modus bei Kindern unter 25 kg (etwa 8 Jahre), sonst Erwachsenen-Modus. Pads bei kleinen Kindern vorn links vom Brustbein und hinten zwischen den Schulterblättern.
  • Wacher, atmet, reagiert nicht: stabile Seitenlage (nicht bei Trauma), Atmung mindestens einmal pro Minute prüfen.
  • Häufige Ursachen: plötzlicher Säuglingstod, Trauma (Verkehr), Ersticken, Ertrinken, Vergiftung, Verbrennung, Infektionsfolgen, Misshandlung.
  • Neugeborene: 5 Beatmungen (je 2 bis 3 Sekunden), dann Atmung und Kreislauf beurteilen. Kompression zu Beatmung 3:1 (90 Kompressionen und 30 Beatmungen pro Minute), ein Drittel Brustkorbtiefe.

Was heißt das für dich?

  • Ruhig bleiben, Eltern einbinden.
  • Kinder zeigen wenig und kippen plötzlich.
  • Erst beatmen (5), dann 15:2.

Siehe auch: Atemnot, Wiederbelebung, Notgeburt und Schwangerschaft, Jugendfeuerwehr: Erste Hilfe.

Blutvolumen Kind
Etwa 80 ml pro kg
Normwerte Kind
Blutdruck etwa 90/60, Herzfrequenz etwa 120
Körperoberfläche
Gewichtsbezogen etwa 3-mal größer als beim Erwachsenen
Wärmeregulation
Kein Muskelzittern, schnelles Auskühlen
Pseudokrupp
Meist jünger als 3 Jahre, bellender Husten
Epiglottitis
Meist älter als 3 Jahre, kloßige Sprache, hohes Fieber
Fieberkrampf
6 Monate bis 5 Jahre, 3 bis 4 Prozent der Kinder
Reanimation Kind
5 Beatmungen, dann 15:2, 100 bis 120 pro Minute
Neugeborene
5 Beatmungen, dann 3:1, 90 Kompressionen und 30 Beatmungen pro Minute
AED
Kinder-Modus unter 25 kg (etwa 8 Jahre)

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