Das Wichtigste in Kürze
- Die „seelische PSA“ ist ein Bild des Bundesamts für Bevölkerungsschutz (BBK): So wie Helm und Schutzanzug den Körper schützen, schützen fünf Grundhaltungen die Seele nach einem belastenden Einsatz. Sie gehen auf eine Meta-Analyse internationaler Studien von Hobfoll und Kollegen (2007) zurück.
- Die fünf Prinzipien: Sicherheit herstellen, beruhigen und entlasten, Selbstwirksamkeit und Kontrolle zurückgewinnen, soziale Kontakte nutzen und Hoffnung stärken.
- Balance halten: zwischen der Beschäftigung mit dem, was passiert ist, und der Konzentration auf anderes.
- Normal ist normal: Nach einem extrem belastenden Einsatz sind akute Reaktionen in Stunden bis Tagen üblich, die Verarbeitung dauert Tage bis Wochen, danach folgt die Erholung. Selten entwickelt sich daraus eine Belastungsstörung oder Traumafolgestörung (Monate bis Jahre).
- Das ist eine Selbsthilfe-Seite und kein Ersatz für Hilfe: Wer nicht zur Ruhe kommt, holt sich Unterstützung (siehe PSNV für Einsatzkräfte und Einsatznachsorge).
Warum das Thema wichtig ist
Der Vortrag nennt Zahlen aus einer Studie der Universität München (Quellen: DFV 2014, Butollo und Kollegen 2012):
- Über 51 Prozent der befragten Feuerwehrleute nannten auf die Frage nach dem schlimmsten Ereignis ihres Lebens einen extrem belastenden Einsatz.
- Über 30 Prozent litten in den ersten Wochen nach einem solchen Einsatz unter Intrusionen (ständiges Wiedererinnern und Wiedererleben).
- 26,7 Prozent berichteten von dauerhaften Intrusionen.
Die Zahlen zeigen: Belastende Einsätze sind kein Randthema. Zugleich gilt: Meist gelingt die Verarbeitung.
Mögliche Verläufe
- Normalfall: Akute Belastungsreaktion (Stunden bis Tage), danach gelingende Verarbeitung (Tage bis Wochen), dann Erholung. Je größer die Belastung, desto stärker die Reaktion.
- Selten: Die Verarbeitungsversuche gelingen nicht, es entsteht eine Belastungsstörung oder Traumafolgestörung (Monate bis Jahre).
- Zu Fristen und Warnzeichen (drei Tage, vier Wochen, ein Monat) siehe PSNV für Einsatzkräfte.
Die fünf Prinzipien
Hobfoll und Kollegen (2007) fanden: Es gibt viele wirksame Wege, starke Belastungen zu verarbeiten, aber alle lassen sich einem oder mehreren von fünf Prinzipien zuordnen. Das BBK hat sie auf den Einsatz übertragen und nennt sie seelische PSA.
Grundsatz Balance: Eine gute Balance zwischen der Beschäftigung mit dem Erlebten und der Konzentration auf anderes hilft.
1. Ein Gefühl von Sicherheit herstellen
Sicherheit ist bei der Feuerwehr ein Kernthema: andere in Sicherheit bringen, eigene Sicherheit und gefühlsmäßige (innere) Sicherheit. Es geht um den Weg von der Übererregung zur Ruhe. Teilnehmende von Seminaren der Akademie für Krisenmanagement, Notfallplanung und Zivilschutz (AKNZ) nannten zum Beispiel:
- sich klarmachen: der Einsatz ist vorbei,
- Alltagsgewohnheiten nachgehen,
- nicht allein sein,
- Orte aufsuchen, an denen man sich sicher fühlt,
- mit Gleichgesinnten sprechen,
- Einsatzmittel kontrollieren.
2. Sich beruhigen und entlasten
Stress wirkt körperlich (hohe Adrenalinausschüttung, Ruhe fällt schwer) und psychisch (Fragen nach Schuld: „Habe ich alles richtig gemacht?“). Ideen aus den Seminaren:
- sich etwas gönnen, freundlich mit sich sein,
- Spazierengehen, Sport,
- ablenken mit einfachen Dingen, Hobbys,
- Musik (ruhig oder laut), lachen dürfen,
- sich sagen: Das sind normale Reaktionen,
- fragen: Was lief gut im Einsatz?
3. Selbstwirksamkeit und Kontrolle herstellen
Belastende Einsätze gehen oft mit zeitweisem Kontrollverlust und Hoffnungslosigkeit einher. Dagegen hilft das Erleben von Selbstwirksamkeit: das eigene Kompetenzgefühl stärken und die Handlungsfähigkeit zurückgewinnen. Ideen aus den Seminaren:
- vorhandene Ressourcen suchen,
- den Einsatz strukturieren und damit greifbar machen,
- kontrolliert atmen, bewusst entspannen,
- Eindrücke ausdrücken (reden, aufschreiben),
- selbst Musik machen.
4. Soziale Kontakte und Bindungen nutzen
Nach einer belastenden Situation haben Bindungen an nahestehende und vertrauenswürdige Menschen hohen Wert. Ein soziales Netz gibt Halt und Stabilität, man kann sich das Erlebte „von der Seele“ reden. Ein Sprichwort im Vortrag: „Das Wort, das dir hilft, kannst du dir nicht selber sagen.“ Mögliche Ansprechpersonen: beste Freunde, Familie, Kolleginnen und Kameradinnen, Führungskräfte und die PSNV-E.
5. Das Gefühl von Hoffnung stärken
Gemeint ist keine oberflächliche „Alles-wird-gut“-Haltung, sondern eine zuversichtliche Denkweise und die ernsthafte, optimistische Hoffnung, dass die eigene Situation wieder besser wird. Ideen aus den Seminaren:
- sich klarmachen, was wirklich wichtig ist,
- Schönes planen, Ausblick in die Zukunft,
- Rückblick auf gute Erfahrungen mit sich selbst,
- „Ich bekomme das hin!“, „Beim nächsten Einsatz bin ich besser vorbereitet“,
- für religiöse Menschen auch der Glaube.
In der Ausbildung nutzen
Der Vortrag schlägt vor, die fünf Prinzipien in der Feuerwehrausbildung zu behandeln. Eine Übungsidee: „Meine persönlichen Big Five“, also jede Einsatzkraft überlegt, was ihr bei jedem der fünf Prinzipien hilft. So gehört der Umgang mit Belastung vorher zur Ausbildung, wie es auch die DGUV für Einsatzorganisationen empfiehlt.
Was heißt das für dich?
- Mach dir deine „seelische PSA“ bewusst, bevor etwas passiert: Wer ist dein Mensch zum Reden? Was beruhigt dich? Was gibt dir Halt?
- Nach einem harten Einsatz: Sicherheit herstellen (der Einsatz ist vorbei), zur Ruhe kommen, ins Handeln zurückfinden, reden, Hoffnung halten.
- Das ersetzt keine Hilfe: Halten Reaktionen länger als vier Wochen an oder kommst du nicht zur Ruhe, sprich mit der Wehrführung, dem Einsatz-Nachsorge-Team oder deinem Arzt. Siehe PSNV für Einsatzkräfte.
- Achte auf andere: Frag nach, hör zu, nimm Gefühle ernst.
- Quelle
- Vortrag „Die seelische PSA – belastende Einsätze wirksam verarbeiten“, Volker Harks (BBK), Symposium „Hilfe für Helferinnen und Helfer in den Feuerwehren“, 17. Mai 2018
- Fachliche Grundlage
- Broschüre „Psychosoziale Herausforderungen im Feuerwehrdienst – Belastungen senken, Schutz stärken“ (BBK und DFV, 2016)
- Wissenschaftlicher Hintergrund
- Meta-Analyse von Hobfoll und Kollegen (2007): fünf Prinzipien der Verarbeitung
- Zahlen (Studie der Universität München)
- über 51 % nennen einen extrem belastenden Einsatz als schlimmstes Ereignis ihres Lebens, über 30 % hatten in den ersten Wochen Intrusionen, 26,7 % berichten von dauerhaften Intrusionen
- Prinzip 1
- Sicherheit herstellen
- Prinzip 2
- Beruhigen und entlasten
- Prinzip 3
- Selbstwirksamkeit und Kontrolle
- Prinzip 4
- Soziale Kontakte und Bindungen
- Prinzip 5
- Hoffnung stärken