Das Wichtigste in Kürze
- Ein MANV (Massenanfall von Verletzten) ist mehr als viele Einzelnotfälle: Der Bedarf übersteigt die Mittel. Es gilt Mangelverwaltung: Prioritäten setzen (Sichtung), Kräfte bündeln, Transport und Verteilung organisieren.
- Die Feuerwehr rettet aus dem Gefahrenbereich, sichert, leuchtet aus, baut auf und unterstützt. Die Patientenbehandlung leitet der Leitende Notarzt (LNA) mit dem Organisatorischen Leiter Rettungsdienst (OrgL).
- Struktur: Schadensgebiet → Patientenablage → ggf. Behandlungsplatz → Rettungsmittelhalteplatz → Krankenhaus. Alles außerhalb des Gefahrenbereichs und nah beieinander.
- Nachrückende Kräfte fahren Bereitstellungsräume an, damit die Einsatzstelle nicht zugeparkt wird.
- Jede betroffene Person wird registriert (Patientennummer), damit Angehörige und Suche zusammenfinden.
- Patientenablage
- Stelle am Rand des Gefahrenbereichs: sammeln, erste Sichtung, Erstversorgung, Übergabe zum Transport
- Behandlungsplatz
- Einrichtung mit fester Struktur: sichten, notfallmedizinisch versorgen, danach Transport
- Rettungsmittelhalteplatz
- Übergabe der transportfähigen Patienten an die Rettungsmittel, nahe dem Ausgang des Behandlungsplatzes
- Transportorganisation
- Disposition der Rettungsmittel, Krankenhauszuweisung, Voranmeldung, Dokumentation
- Führung Patientenbehandlung
- Leitender Notarzt (medizinisch) und Organisatorischer Leiter (organisatorisch)
- Planungswerte BW
- Beispielhaft 40 % akut vital bedroht, 20 % schwer, 40 % leicht (Konsensuskonferenzen)
Was ein MANV ist
Ein MANV liegt vor, wenn so viele Verletzte oder Erkrankte zu versorgen sind, dass die Regelversorgung nicht mehr reicht und die Rettungskräfte nicht mehr jeden nach den Maßstäben der Einzelmedizin behandeln können, zumindest zeitweise. Häufig fehlt dazu noch die Infrastruktur an der Einsatzstelle, und teils sind die Einsatzkräfte selbst gefährdet. Das Konzept gilt sinngemäß auch für einen Massenanfall von Erkrankten.
Die Frühphase ist von Ressourcenmangel geprägt, die Spätphase von vielen zu koordinierenden Kräften. Vorrangig zu erledigen:
- Aufgaben priorisieren (Sichtung),
- Aufgaben und Kräfte bündeln (Konzentration),
- aufschiebbare Aufgaben puffern (Transportorganisation, Verteilung auf Krankenhäuser),
- Krankenhäuser einbinden.
Sichtungskategorien
Nach der Sichtung ordnet man Betroffene in Kategorien ein:
- Kategorie I: akut vital bedroht. Sofortbehandlung.
- Kategorie II: schwer verletzt. Dringende Behandlung.
- Kategorie III: leicht verletzt. Spätere, ambulante Behandlung.
- Kategorie IV: ohne Überlebenschance. Betreuende, abwartende Behandlung.
- Tote: werden registriert.
Zusätzlich kann man eine hohe Transportpriorität kennzeichnen. Auf der Anhängekarte sind die Kategorien farblich gekennzeichnet (üblich sind rot, gelb, grün und blau, Verstorbene schwarz oder grau). Die Farbregeln deiner Region übst du praktisch. Sichtung ist eine ärztliche und rettungsdienstliche Aufgabe, die Feuerwehr unterstützt dabei.
Die Schauplätze
- Patientenablage (PA): An der Grenze des Gefahrenbereichs. Hier werden Verletzte gesammelt, erstversorgt und zum Transport übergeben. Eine erste Sichtung findet statt. Sie bildet sich oft spontan vor Eintreffen der Kräfte oder wird von den ersten Führungskräften festgelegt. Je nach Lage braucht es mehrere. Mit Material und Personal wird sie zur strukturierten Patientenablage mit ersten Therapiemaßnahmen.
- Behandlungsplatz (BHP): Nachgeschaltet, wenn viele Patienten zu versorgen sind. Hier werden sie gesichtet, behandelt und transportiert. Standards sind festgelegt, zum Beispiel das Konzept BHP 25 der Hilfsorganisationen.
- Rettungsmittelhalteplatz (RMHP): Hier übernehmen die Rettungsmittel die transportfähigen Patienten. Er liegt am Ausgang des Behandlungsplatzes, damit Zu- und Abfahrt ungehindert sind.
- Transportorganisation (TrOrg): Disposition der Rettungsmittel, Krankenhauszuweisung (bedarfsgerechte Verteilung), Voranmeldung im Ziel und Dokumentation. Dazu arbeitet die Einsatzleitung mit der Leitstelle zusammen.
- Betreuung: Unverletzte Betroffene versorgen die Kräfte der Betreuung (Verpflegung, Unterkunft, soziale Belange, auch Notfallseelsorge/PSNV).
- Bereitstellung: Alle nachrückenden Kräfte fahren Bereitstellungs- oder Sammelräume an. So wird die Schadensstelle nicht zugeparkt.
- Wege kurz halten und außerhalb der Gefahr: Längere Wege bedeuten mehr Trägerbedarf.
Wer führt?
- Den Einsatzabschnitt Patientenbehandlung leitet der Leitende Notarzt (LNA) mit Unterstützung des Organisatorischen Leiters Rettungsdienst (OrgL). Zuerst bauen die zuerst eintreffenden Rettungsdienstführungskräfte die Patientenablage auf, später die übergeordnete Leitung. Die Bezeichnung „LNA“ gibt es in der Führungsorganisation nur einmal.
- Feuerwehrkräfte, die technische Hilfe leisten, unterstehen dem Technischen Einsatzleiter der Feuerwehr, nicht der Einsatzleitung Patientenbehandlung. Er bildet bei Bedarf eine Führungseinheit mit Beratern der beteiligten Organisationen.
- Zusammen entstehen mehrere unabhängige Einsatzleitungen mit unterschiedlichen gesetzlichen Aufgaben (Feuerwehr, Rettungsdienst, Polizei). Sie stimmen sich ab.
- Wird Katastrophenalarm ausgelöst, unterstehen alle Kräfte dem technischen Leiter des Einsatzes nach Katastrophenschutzrecht. Der LNA koordiniert dann die ärztliche Versorgung, bei mehreren Patientenabschnitten aus der Führungseinheit heraus.
- Die Führung folgt der DV 100. Sie wächst mit eintreffenden Kräften auf (Wellenkonzept).
Wellenkonzept (Aufwachsen)
- Welle: Regelversorgung, Einzelnotfälle, Regelvorhaltung des Rettungsdienstes, ggf. Nachbarbereiche.
- Welle: Viele Verletzte, Patientenablagen, Verteilung, ggf. Behandlungsplätze. Zusätzlich Schnelleinsatzgruppen, Einheiten des Katastrophenschutzes, Feuerwehr und THW.
- Welle: Grundschutz reicht nicht. Einheiten aus Nachbarkreisen, Mangelverwaltung, Behandlungsplätze.
- Welle: Wenn Infrastruktur zerstört ist oder Personen kontaminiert sind: Behandlungsplatz mit Dekontamination, ggf. Medizinische Task Forces und Bundeswehr.
Ab wann welche Welle nötig ist, legen die Planungen vor Ort fest, nicht eine feste Zahl. Als Planungsziel gilt etwa, dass jeder Kreis über seine Rettungsdienstvorhaltung hinaus 50 Patienten schnell versorgen kann.
Aufgaben der Feuerwehr (praktisch)
- Retten und Bergen aus dem Gefahrenbereich, technische Rettung (Eingeklemmte).
- Absperren, Sichern, Brandschutz sicherstellen.
- Ausleuchten und Zelte aufbauen helfen, Stromversorgung und Technik.
- Träger stellen, wenn Wege lang sind.
- Bereitstellungsräume und Zufahrten organisieren, Rettungswege freihalten.
- Dekontamination Verletzter, wenn nötig (nach gesondertem Dekon-Verfahren), danach Sichtung.
- Unterstützung bei Registrierung und Betreuung, soweit sie neben dem Hauptauftrag möglich ist.
Registrierung und Personenauskunft
- Anhängekarte für Verletzte/Kranke (VAK) mit eingelegter Suchdienstkarte. Die Registrierung geschieht sofort, lückenlos und noch am Schadensort.
- Für jede Person gibt es auf beiden Karten dieselbe, eindeutige Patientennummer. Vorab beschriftete Karten werden empfohlen.
- Die Suchdienstkarten sammelt die Einsatzabschnittsleitung und gibt sie schnell an die Auskunftsstelle (im Katastrophenfall der DRK-Suchdienst). Die Besatzungen der Rettungsmittel tragen ein, wohin die Person gebracht wurde.
- Die Polizei betreibt ihre Vermisstensuche in eigener Zuständigkeit, abgestimmt mit der Auskunftsstelle.
Weitere Mitwirkende
- Rettungsdienst (mit Verstärkung aus Nachbarbereichen und dienstfreiem Personal) versorgt und transportiert vorrangig Kategorie I.
- Schnelleinsatzgruppen der Hilfsorganisationen sind das Bindeglied zum Sanitäts- und Betreuungsdienst des Katastrophenschutzes. Sie übernehmen vorrangig Kategorie II und III sowie die Betreuung.
- Krankenhäuser haben eine Aufnahmepflicht und eigene Alarm- und Einsatzpläne. Sie müssen Aufnahmekapazität kurzfristig erhöhen können.
- Polizei: Absperrung, Freihalten von Rettungswegen, Personensammelstellen.
- Abrollbehälter MANV liefern Material für Großlagen und Großveranstaltungen.