Lithium-Ionen-Batterien im Lager: Einsatztaktik 2025

Brandeinsätze

Das Wichtigste in Kürze

  • Ein Lager mit Lithium-Ionen-Batterien ist grundsätzlich ein Brandeinsatz. Die Fachempfehlung 2025 (Forschungsvorhaben BEGIN-HVS) sagt: Auch wenn Gefahrstoffe entstehen, sind die Mengen meist so gering, dass die übliche Brandschutzkleidung reicht. Atemschutz gilt auch bei Venting ohne Brand. Viele Brände sind für die Feuerwehr beherrschbar, das zeigten Versuche 2024.
  • Löschmittel der Wahl ist Wasser. Wenig Wasser kühlt die Umgebung, viel Wasser löscht direkt, ggf. ausbrennen lassen. Kein Löschschaum (Sichtbehinderung, die Reaktion läuft unter der Decke weiter), kein Tauchen. Schaummittel als Netzmittel kann von Vorteil sein.
  • Auffällig ist jede Batterie mit Venting oder mehr als 80 °C. Mit der Wärmebildkamera absuchen. Über 80 °C muss mit einer Reaktion gerechnet werden.
  • Thermische Kettenreaktion im ganzen Raum = Rückzug. Merkmale: schnell steigerndes „Prasseln“ wie ein Feuerwerk, rasante Ausbreitung, hohe Temperaturen. Sicherheitstrupp von Beginn an.
  • Auffällige Batterien ins Freie bringen an einen Beobachtungsplatz, möglichst mit betriebseigenem Gerät (Hubwagen, Stapler). Unter 75 °C sind keine Feuerwehrmaßnahmen mehr nötig.

Begriffe

  • Auffällige Batterie (in Betrieben auch „unklare“ Batterie): Sie entspricht möglicherweise nicht dem bestimmungsgemäßen Zustand. Als auffällig gilt eine Batterie, bei der Venting stattgefunden hat, die wärmer als 80 °C ist oder deren Temperatur steigt.
  • Venting (engl. Entlüften): impulsives Ausgasen durch einen Defekt im Inneren, eine Art Druckentlastung. Der Rauch ist typischerweise weiß und hat kaum oder keine Thermik. Oft riecht es aromatisch, ähnlich wie Lösungsmittel. Die Gase sind brennbar (unter anderem Wasserstoff, Kohlenmonoxid, Kohlenwasserstoffe). Venting kann einen Brand zur Folge haben, muss aber nicht.
  • Thermal Runaway: chemische Kettenreaktion innerhalb einer Zelle.
  • Thermische Kettenreaktion: die dynamische, explosionsartige Reaktion einzelner Zellen innerhalb eines Moduls und darüber hinaus, mit feuerwerksähnlichen Geräuschen (Prasseln) und schneller, unvorhersehbarer Ausbreitung.
  • Hochvoltspeicher (HVS): Mehrere Module aus vielen Zellen. Gängige HVS aus der Automobilindustrie sind so groß wie eine Euro-Palette.

Gefahrenpotenzial

  • Eine Zelle hat alles an Bord: Sie enthält chemisch gebundenen Sauerstoff, brennbare Stoffe und die Zündenergie. Ausgelöst werden kann das durch internen Defekt oder äußere Einwirkung (Schlag, Stoß, Durchdringung, Erhitzung).
  • Spontanzündung: Bei heutiger Fertigung sehr gering, aber nicht null. Bei Eigenbauten (zum Beispiel Heimspeicher im Eigenbau) deutlich höher.
  • Wichtig: Der Zustand einer Batterie kann sich jederzeit und ohne erkennbare Anzeichen ändern.

Die vier Szenarien

  • Venting hat stattgefunden und ist beendet: Weißer Rauch, meist ohne thermische Schichtung, ggf. Geruch nach Lösungsmitteln, beginnende Verrauchung. Eine weitere Reaktion bleibt aus.
  • Venting setzt sich fort: wie oben, der Raum verraucht zunehmend.
  • Brand ist beherrschbar: Die Batterie brennt mit normaler Geschwindigkeit ab.
  • Brand ist nicht beherrschbar: thermische Kettenreaktion im aufgeheizten Raum, hörbares Pfeifen und Zischen, einzelne, dann schnell steigende explosionsartige Geräusche im ganzen Raum, extrem rasante Ausbreitung, hohe Temperaturen, Lebensgefahr.

Lokalisieren

Bei viel weißem Rauch ist die auffällige Batterie äußerst schwer zu finden. Ohne Thermik fehlt die raucharme Schicht, auch bei Rauchabzug.

  • Brandmeldezentrale auslesen: der erste alarmauslösende Melder liegt meist nahe der auffälligen Batterie.
  • Wärmebildkamera: Batterien über 80 °C sind auffällig oder bereits defekt.
  • Raum entrauchen: besser sehen, weiteres Ausgasen lässt sich ggf. sehen. Ohne Thermik hilft ggf. gezielte Rauchlenkung mit mobilen Hochleistungslüftern.
  • Ortskundiges Betriebspersonal: kennt die Lagersystematik und den Lagerort.
  • Lagerarten: Blocklagerung (Brand ggf. auf einen Block begrenzt, Brandbegrenzungsdecken besonders wirksam, Teillagerflächen durch Betonsteine trennen), Regallagerung (vertikale Ausbreitung begünstigt, Bleche zwischen Regalen können eindämmen und müssen ggf. gekühlt werden), gemischte oder automatische Lager (Erkundung und Maßnahmen nahezu unmöglich).

Brandbekämpfen

  • Ausrüstung: Standard-Schutzkleidung für den Innenangriff reicht. Keine Sonderausstattung nötig.
  • Wasser: geringe Mengen zur Kühlung der unmittelbaren Umgebung, massiver Wassereinsatz zum direkten Löschen. Strahlrohrabstand 1 m im Sprühstrahl bei angeschlossenen Batterien (DIN VDE 0132).
  • Venting ohne Feuer: maßvolles äußeres Kühlen mit Wasser kann helfen (kein Tauchen). Treten Feuer oder Funken aus (zum Beispiel aus einem HVS), sind Löschmaßnahmen zur Verhinderung der Brandausbreitung unbedingt erforderlich.
  • Vorgehen: Möglichst schnell mit Wasser am Rohr vordringen, Wandhydranten nutzen, Schlauchreserve mitführen (große Räume), Leinensicherung im Rauch, mindestens zwei C-Strahlrohre (über 100 l/min).
  • Wärmebildkamera: zum Auffinden und Kontrollieren.
  • Gase: Große Mengen Venting-Gase kühlen und verdünnen, Atemschutz. Ex- und Ox-Warngeräte zur Kontrolle einer explosiven Atmosphäre (geringe Gefahr, in kleinen Räumen höher).
  • Brandbegrenzungsdecken: nur darüberlegen, nicht allseitig verschließen (sonst kann sich darunter eine Ex-Atmosphäre bilden). Beim Wegnehmen auf Wiederentzündung achten.
  • Nicht empfohlen: Löschschaum und das Tauchen. Vorhaltung von Transport- oder Tauchbehältern, Brandbegrenzungsdecken oder Löschlanzen bei den öffentlichen Feuerwehren wird nicht empfohlen.

Besondere Gefahr: thermische Kettenreaktion

  • Die Gefahr besteht zu jeder Zeit bei flächigem Aufheizen des Lagerraums („Auskochen des Elektrolyten in allen Zellen“). Unter Umständen Lebensgefahr.
  • Rückzug ist dann die richtige Entscheidung.
  • Darauf achten: visuelle und akustische Merkmale (stark steigerndes Prasseln), Maßnahmen möglichst aus der Deckung, von Beginn an Sicherheitstrupp bereitstellen.
  • Rückzug vorbereiten: Sammelpunkt festlegen und kommunizieren (zum Beispiel Verteiler, Zugang zum Gebäude, Fahrzeug, Straße). Überwachung durch eine Führungskraft (zum Beispiel Gruppenführer) sinnvoll. Funkspruch (Vorschlag): „Rückzug, Rückzug, Rückzug, Thermische Kettenreaktion – Rückzug!“

Nach dem Einsatz

  • Einsatzstellenhygiene: Standard anwenden, siehe Einsatzstellenhygiene.
  • Löschwasserrückhaltung: Schadstoffe gelangen ins Löschwasser. Je nach Gebäudenutzung ist eine Rückhaltung nötig, siehe Löschwasser-Rückhaltung.
  • Auffällige Batterien ins Freie: Sobald eine Batterie als auffällig gilt, wird sie unverzüglich an einen Beobachtungs- oder Quarantäneplatz im Freien gebracht, wenn möglich auch während des Ventings oder der Brandbekämpfung. Betriebe haben oft Quarantäne-Behälter oder Brandbegrenzungsdecken. Das Betriebspersonal gezielt danach fragen.
  • Transport: am besten mit betriebseigenen Geräten (Hubwagen, Gabelstapler), vorher den schnellsten Weg erkunden, Hindernisse entfernen und verschlossene Türen öffnen. Beim Öffnen von Behältern oder Decken besondere Vorsicht.
  • Temperatur: Sinkt sie am Beobachtungsplatz unter 75 °C, sind keine Maßnahmen der Feuerwehr mehr nötig.
  • Betreiberverantwortung: Einsatzkräfte werden nicht vorab auf betriebliche Geräte eingewiesen, die Betreiberpflichten sollen nicht von der öffentlichen Feuerwehr ersetzt werden.

Vorbeugend und Einsatzplanung

  • Kenne die Betriebe, die Lithium-Ionen-Batterien verarbeiten, lagern oder recyceln. Kontakt zu den Betreibern aufnehmen, die Brandschutzdienststelle informieren. Betriebsbesichtigungen und Übungen der Schnittstelle erhöhen die Löscherfolgsaussicht erheblich.
  • RWA: Dem Venting-Rauch fehlt die Thermik, natürlicher Abzug funktioniert schlecht. Gebäudeeigene maschinelle Rauchabzüge können in der Regel entrauchen.
  • Brandmeldeanlage: bei Venting verzögerte Detektion möglich, hilft bei der Lokalisierung.
  • Sprinkler: Venting löst sie nicht aus. Einen Zellen- oder HVS-Brand löscht die Anlage in der Regel nicht, sie behindert aber die Ausbreitung.
  • Wandhydranten Typ F: nutzen, wenn vorhanden.
  • Beobachtungsplatz: im Freien, vom Betreiber auszuweisen.

Was die ältere Seite sagt

Die Seite Alternative Antriebe (Abschnitt zu größeren Mengen Lithium-Ionen-Batterien, zum Beispiel beim Transport) vergleicht mehrere Tonnen mit Flüssiggasbehältern: Druckgefäßzerknall oder BLEVE möglich, Abstand, Deckung, nur notwendiges Personal, massiver Wassereinsatz über Werfer. Die Fachempfehlung 2025 gilt für Lager und Produktion und stützt sich auf Brandversuche aus 2024. Sie sieht viele Brände als beherrschbar an, fordert aber bei einer thermischen Kettenreaktion den Rückzug. Welche Aussage in deiner Lage passt, hängt vom Lagergut, der Menge und der Lage ab. Im Zweifel Abstand und Deckung, Entscheidung beim Einsatzleiter.

Was heißt das für dich?

  • Wasser, viel Wasser, und Atemschutz auch beim bloßen Venting.
  • Wärmebildkamera: über 80 °C ist eine Batterie auffällig.
  • Prasseln im ganzen Raum: Rückzug, Sicherheitstrupp von Anfang an.
  • Frag den Betrieb: Wo ist der Beobachtungsplatz? Gibt es Brandbegrenzungsdecken und Stapler?
  • Nicht tauchen, kein Schaum, Decken nicht allseitig verschließen.

Siehe auch: Alternative Antriebe: Erdgas, Flüssiggas, Wasserstoff, Hybrid, Lithium-Ionen-Akkus: Batteriegas, Explosion und Stichflammen, Photovoltaik: Fachempfehlung 2023, Elektrofahrzeugbrand, Besondere Brandlast.

Quelle
AGBF/DFV Fachempfehlung abwehrender Brandschutz für das Lagergut Lithium-Ionen-Batterien (2025-03b), 15.12.2025
Forschungsvorhaben
BEGIN-HVS, Laufzeit 01.05.2023 bis 30.04.2025, Partner: Branddirektion München, TU Braunschweig, BAM
Geltungsbereich
Entwicklung, Produktion, Lagerung und Recycling, nicht Batterien in Fahrzeugen und nicht Großspeicher
Auffällige Batterie
Venting oder wärmer als 80 °C
Venting
impulsives Ausgasen, weißer Rauch ohne Thermik, Geruch wie Lösungsmittel, Gase brennbar (Wasserstoff, Kohlenmonoxid, Kohlenwasserstoffe)
Strahlrohre
mindestens zwei C-Rohre mit über 100 l/min
Abstand bei angeschlossenen Batterien
1 m im Sprühstrahl nach DIN VDE 0132
Keine Maßnahmen mehr
wenn die Temperatur am Beobachtungsplatz unter 75 °C sinkt
Löschschaum
nicht empfohlen

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