Hochvolt-Fahrzeuge im Einsatz: Sichern, Brandphasen und Übergabe

Gefahren der Einsatzstelle

Das Wichtigste in Kürze

  • Erst deaktivieren, dann arbeiten: Fahrzeug sichern, Antrieb ausschalten, Hochvolt-System über die Trennstellen aus dem Rettungsdatenblatt abschalten. Orange Leitungen nie berühren oder trennen. Spannungsfreiheit lässt sich am Armaturenbrett nicht sicher ablesen.
  • Ein beschädigter Hochvoltspeicher wird mit der Wärmebildkamera überwacht: an mehreren Stellen, alle 5 Minuten über mindestens 30 Minuten, im Temperaturmessprotokoll festhalten. Bleibt die Temperatur über der Umgebung oder steigt sie, gilt der Speicher als kritisch.
  • Brandbekämpfung mit zwei Trupps aus diagonalen Richtungen, Hohlstrahlrohre, Sprühstoß 1 m, Vollstrahl 5 m Abstand (VDE 0132). Die äußere Kühlung des Gehäuses stoppt das thermische Durchgehen nicht.
  • Beim Abgeben der Einsatzstelle (zum Beispiel an einen Bergedienst) gibt es Sicherheitshinweise und ein Übergabeprotokoll. Das Fahrzeug steht im Freien und getrennt von anderen Fahrzeugen.

Fahrzeug erkennen und Informationen beschaffen

  • Rettungsdatenblatt (ISO 17840) besorgen. Es zeigt Lage von Hochvoltspeicher, Hochvolt-Leitungen, Airbags, Trennstellen und, wenn vorgesehen, Öffnungen zur Löschmitteleinbringung. Über die Euro-Rescue-App und die Leitstelle erreichbar.
  • eCall: Löst ein Airbag aus, sendet ein vorhandenes eCall-System einen Notruf mit Daten an die Leitstelle.
  • Hochvolt-Bauteile sind orange und mit dem Warnzeichen vor elektrischer Spannung gekennzeichnet.
  • Aufbau (Überblick): Der Hochvoltspeicher liegt gekapselt, meist im Unterboden. Schütze (Relais) trennen ihn bei Unfallerkennung vom Rest. Manche Fahrzeuge haben eine pyrotechnische Trennung (Pyrofuse). Ladesteckdose, Wandler, Ladegerät und Antriebsmotor gehören zum Hochvoltsystem.
  • Schweres Unfallbild: deutliche Verformung der Fahrzeugstruktur über Blech und Anbauteile hinaus, meist mit Airbagauslösung.

Sichern, Immobilisieren und Deaktivieren

  • Stromschlag ist unwahrscheinlich, aber nicht ausgeschlossen, weil viele Sicherungen im Fahrzeug greifen. Es lohnt sich, den Zustand zu klären, besonders bei angetriebenen Rettungsgeräten.
  • Immobilisieren: Das Fahrzeug gegen Wegrollen sichern. Bei Elektromotoren reichen Radkeile wegen des sofort anliegenden hohen Drehmoments nicht immer. Besser Feststellbremse und Wählhebel auf „P“. Bei manchen Hybridfahrzeugen kann nach Wegfall der elektrischen Energie der Verbrennungsmotor starten. Elektroantriebe sind lautlos, deshalb Anzeigen der Betriebsbereitschaft ansehen.
  • Einfachste Maßnahme: Start-Stopp-Taster oder Schlüssel auf „Zündung aus“. Das trennt den Speicher vom Antrieb, aber nicht in jedem Modell sicher. Sicher ist erst die Deaktivierung an den Trennstellen laut Rettungsdatenblatt.
  • Airbagauslösung: Das System trennt dann meist automatisch, bei unklarem Status wird trotzdem an der Trennstelle nachgearbeitet.
  • Nie berühren, öffnen oder durchtrennen: orange Hochvolt-Leitungen und -Komponenten, auch nicht nach der Deaktivierung. Sind Teile frei zugänglich, abgerissen oder Isolierungen beschädigt, nicht anfassen, bei unvermeidbarer Arbeit elektrisch isolierend abdecken (Abdecktücher nach IEC 61112).
  • Trennstellen im Überblick:
  • Sicherung entfernen (Niedervolt 12/24 V): Position im Rettungsdatenblatt, oft im Sicherungskasten markiert.
  • Steuerleitung durchtrennen (Pilotlinie, 12/24 V): an der gekennzeichneten Stelle mit Seitenschneider.
  • Stecker ziehen (12/24 V): Stecker meist erst entriegeln, Wiedereinstecken ist dann nicht mehr möglich.
  • Hochvolt-Trennstelle (Service Disconnect): Stecker direkt am Speicher. Nur für Rettungskräfte, wenn das Rettungsdatenblatt ihn ausdrücklich nennt. Eventuell Visier und Handschuhe für Arbeiten an Hochvoltanlagen, seit November 2022 Normbeladung im Verkehrsunfallkasten (DIN 14800-13).
  • Schulung: Die möglichen Trennstellen sollten in der Standortausbildung geübt werden.
  • 48-V-Bordnetz: Moderne Fahrzeuge haben zusätzlich ein 48-V-Netz mit 48-V-Lithiumbatterie. Es ist weniger gefährlich als Hochvolt, kann aber thermisch durchgehen. Im Rettungsdatenblatt oft gelb dargestellt, Leitungen teils blau oder lila. Reihenfolge der Abschaltung: 1. Zündung aus, 2. Minuspol der 12-V-Batterie abklemmen, 3. 48-V-Speicher laut Rettungsdatenblatt trennen. Beim Trennen von 48-V-Leitungen können Lichtbögen entstehen, an einigen Komponenten liegen Spannungen über 30 V Wechselspannung an.

Temperaturüberwachung und beschädigter Speicher

  • Nach einem Unfall kann ein Speicher kritisch werden. Schon bei der Erkundung auf Zeichen achten (Ploppen, Zischen, Rauch, Geruch, Wärme).
  • Sind keine Anzeichen da, wird die Temperatur über die ganze Einsatzdauer überwacht und protokolliert (Temperaturmessprotokoll der vfdb).
  • Warum an mehreren Stellen? Die Gehäuse sind gekapselt und isoliert. Innere Wärme zeigt sich oft verzögert und als Hotspot.
  • Kritisch: gleichbleibend hohe oder ansteigende Temperatur über der Umgebung.
  • Nach dem Löschen eines Fahrzeugbrandes ohne Beteiligung des Speichers: Messung an mehreren Stellen mit Wärmebildkamera oder Fernthermometer alle 5 Minuten, mindestens 30 Minuten.
  • In der Tiefgarage: Wird thermisches Durchgehen sehr wahrscheinlich, das Fahrzeug aus dem schwer zugänglichen Bereich entfernen. Ist das System abgeschaltet, helfen Rangierhilfen oder Gleitkeile an allen vier Rädern auf befestigtem Untergrund.

Brandbekämpfung

  • Allgemeine Maßnahmen: Vollständige PSA für den Innenangriff und umluftunabhängiger Atemschutz. Sofortrettung aus dem Gefahrenbereich, bei eingeklemmten Personen alle Mittel zum Schutz einsetzen. Löschwasserversorgung sicherstellen (erhöhter Bedarf möglich).
  • Mindestens zwei Trupps, diagonal von Front und Heck angreifen und gleichzeitig vorgehen. Wegen umherfliegender Teile (Airbags, Gasdruckdämpfer, Reifen, brennende Leichtmetalle).
  • Abstände bei Hochvolt (VDE 0132, 5 bar): Sprühstrahl 1 m, Vollstrahl 5 m.
  • Brand ohne Beteiligung des Speichers (zum Beispiel von außen, Brandstiftung, technischer Defekt): so schnell wie möglich löschen, vorzugsweise mit Wasser, damit keine Wärme in den Speicher gelangt. Danach Hochvolt und Bordnetz deaktivieren und die Temperatur kontrollieren.
  • Brand mit Beteiligung des Speichers: Ohne Löschen durchläuft ein vollelektrisches Fahrzeug drei Phasen (Versuche des Instituts für Brand- und Katastrophenschutz Heyrothsberge). Beim Hybrid verläuft der Anfang ähnlich, spätestens bei brennendem Kraftstoff überlagern sich die Merkmale.

Phase 1: Ausgasen

  • Zellen und Gehäuse haben Sicherheitsventile. Ihr Öffnen ist als Ploppen mit anschließendem Zischen hörbar. Das Gas ist überwiegend brennbar, teils ätzend, giftig oder reizend.
  • In geschlossenen Räumen (Fahrzeuginnenraum, schlecht belüftete Garage) kann sich eine explosionsfähige Atmosphäre bilden. Innenraum möglichst früh öffnen.
  • PSA für den Innenangriff schon in dieser Phase. Personen retten, wenn nicht möglich, Fluchthaube.
  • Drucklüfter und Sprühstöße verdünnen die Gase und befeuchten sie, das senkt die Belastung.
  • Reaktion im Speicher unterbrechen gelingt mit Hohlstrahlrohren nur, wenn Öffnungen im Gehäuse entstanden sind oder der Hersteller Öffnungen zur Löschmitteleinbringung vorgesehen hat. Sonst bleibt, die späteren Phasen zu verhindern. Die äußere Kühlung des Gehäuses stoppt das thermische Durchgehen nicht.
  • Ende der Brandbekämpfung: Wenn alle Zellen reagiert haben oder die Reaktion von selbst stoppt. Dafür Temperaturmessung und Protokoll.

Phase 2: Brandentstehung

  • Ventinggase entzünden sich, einzelne Flammen an Schwellern, Radkästen, Front und Heck. Im Versuch 10 bis 17 Minuten bis zum Vollbrand, die Intensität wächst ohne Löschen exponentiell.
  • Früh löschen: Frühes Ablöschen der ersten Flammen verhindert den Übergang in den Vollbrand und begrenzt den Brand auf den Speicher.
  • Flammenschläge durch entzündete Ventinggase sind möglich. Jetflammen sind schwer zu löschen.
  • Nur Hohlstrahlrohre: Austretende Gase mit kurzen Sprühstößen niederschlagen, brennende Gase löschen. Öffnungen mit Wärmebildkamera suchen und gezielt Wasser einbringen, das kann das Durchgehen unterbrechen, garantiert es aber nicht. Einsatzdauer im Versuch 63 bis 86 Minuten, Löschwasser bis 6.700 l, mit sehr kurzen Sprühstößen bis 1.150 l.
  • Mit Sondereinsatzmitteln zur Löschmitteleinbringung (System wird in den Speicher eingebracht): Einsatzzeit etwa 34 Minuten, Löschwasser unter 1.000 l.

Phase 3: Vollbrand

  • Zwei Trupps gleichzeitig löschen. Die Brandintensität geht schnell zurück, wenn Interieur und Außenbereich abgelöscht sind. Es ist damit zu rechnen, dass schon viele Zellen reagieren oder thermisch vorgeschädigt sind.
  • Danach zwei Trupps mit Hohlstrahlrohren halten die Gase mit wenigen Sprühstößen nieder und löschen Flammen. Im Versuch lag die maximale Einsatzzeit bei etwa 35 Minuten. Bei 60 l/min je Strahlrohr betrug der Verbrauch höchstens 1.550 l, bei höheren Durchflüssen bis 6.000 l, weil ein großer Teil nicht wirkt.
  • Sonderlöschgerät: Ein zusätzlicher, geschulter Trupp treibt es in den Speicher. Die beiden anderen Trupps schützen ihn mit Hohlstrahlrohren. Nach dem ersten Einsatz steigt kurz die Gasmenge, dann sinken Gasproduktion und Flammen, solange kontinuierlich Wasser fließt. Danach kann oft ein Trupp zur Überwachung genügen. Im Versuch gab es keinen Vorteil bei Zeit und Wassermenge gegenüber reinen Hohlstrahlrohren. Nicht anwenden, wenn das Fahrzeug an einer Ladeinfrastruktur hängt.
  • Brandbegrenzungsdecke: löscht nicht, sondern begrenzt. Unter der Decke reichern sich brennbare Gase an, in geschlossenen oder engen Räumen Explosionsgefahr. Einsatzzeit im Versuch bis 50 Minuten. Nimmt man die Decke zu früh ab, entzündet sich das Fahrzeug wieder. Sinnvoll vor allem vorbeugend, zum Beispiel beim Lagern auf einer Quarantänefläche.
  • Hohlstrahlrohre sind immer verfügbar, jeder kennt sie aus der Grundausbildung. Sonderlöschgeräte brauchen Ausbildung, Wartung und aufwendige Reinigung nach dem Einsatz.

Elektrofahrzeug im oder unter Wasser

  • Der Speicher ist weitgehend wasserdicht, es besteht kein erhöhtes Stromschlagrisiko. Schwachstellen sind Kabeldurchführungen im Fahrzeuginneren. Erkennt das Fahrzeug einen Isolationsfehler, trennt es den Speicher vom Rest.
  • Taucht ein Fahrzeug ab, kann Wasser eindringen und zu Kurzschlüssen führen, bis hin zum thermischen Durchgehen.
  • Bergen: möglichst in Schräglage ziehen oder heben, damit Wasser abläuft. Vor dem Anschlagen prüfen, dass das Batteriegehäuse nicht zusätzlich beschädigt wird. Dann manuell deaktivieren nach Rettungsdatenblatt und Temperatur überwachen.

Schadstoffe und Einsatzstellenhygiene

  • Wie bei jedem Fahrzeugbrand: Kohlenmonoxid, Kohlendioxid, Cyanwasserstoff, Chlorwasserstoff, Stickoxide, Ammoniak, Benzol.
  • Zusätzlich bei Hochvoltspeichern: Fluorverbindungen (zum Beispiel Fluorwasserstoff und Vorstufen), organische Carbonate aus dem Elektrolyt, Wasserstoff und Schwermetallverbindungen (Nickel, Cobalt).
  • Messen: Nur wenige Stoffe sind mit Feuerwehrgeräten bestimmbar. Prüfröhrchen können Chlorwasserstoff, Fluorwasserstoff, Ammoniak und Benzol erfassen, sinnvoll vor allem in geschlossenen Räumen wie Tiefgaragen und Tunneln, zusammen mit einem Messsystem gegen explosionsfähige Atmosphäre. Besondere Vorsicht, wenn Gase nicht sofort zünden: Rauchgasdurchzündung möglich.
  • Lösch- und Kühlwasser:
  • Fließend aus dem Löschangriff: wenig belastet, leicht sauer, mit gelösten sauren Gasen, Brandfolgeprodukten und Schwermetallen. Zuständige Fachbehörde informieren, wenn Kontamination möglich ist.
  • Wasser in Abrollbehältern: etwa zehnfach höhere Konzentrationen, pH 10 bis 12 wegen des Lithiums, viele Schwermetalle. Fachgerecht entsorgen. Lagern im Wasserbehälter nur im absoluten Ausnahmefall.
  • Hygiene: Geräte (Wärmebildkamera, Lampe, Helm, Funk) mit reichlich Wasser-Tensid-Gemisch grob reinigen, danach nach Herstellerangabe. Kleidung wie nach jedem Brand waschen. Weitere Dekontamination nach heutigem Wissen nicht nötig. Siehe Einsatzstellenhygiene.

Übergabe der Einsatzstelle

  • Wann übergeben? Wenn die Feuerwehr nicht (mehr) zuständig ist, wenn die Einsatzleitung wechselt, oder wenn ihre Zuständigkeit endet, auch wenn noch Gefahren bleiben. Bleiben Gefahren, die sie nicht abwehren kann, hat sie eine Hinweis- und Warnpflicht.
  • Mit der Übergabe geht die Verantwortung für Einsatzstelle oder Fahrzeug auf die übernehmende Person über.
  • Inhalt der Übergabe: vorgefundene Lage, durchgeführte Maßnahmen, Hinweis auf weitere Gefahren, Erklärung über das Ende der Arbeit der Feuerwehr. Sicherheitshinweise eindeutig verständlich machen und dokumentieren.
  • An wen: Polizei, qualifizierte Berge- oder Abschleppunternehmen, Fahrzeughalter oder Hersteller.
  • Dokumentation: Nach FwDV 100 dokumentieren Einsatzleitungen ihre Einsatzstelle. Bei beschädigten Speichern: Temperaturwerte protokollieren.
  • Sicherheitshinweise an den Bergedienst:
  • Ordnungsgemäß verwahren (nach Herstellerangabe).
  • Im Freien abstellen, getrennt von anderen Fahrzeugen (Brandausbreitung).
  • Vor Witterung schützen, zum Beispiel mit Plane.
  • Speicher oder Fahrzeug am Abstellplatz kennzeichnen.
  • Gegen Wiedereinschalten sichern.
  • Weiterhin Brandgefahr.
  • Hersteller oder Servicepartner informieren, damit der Speicher sachgerecht ausgebaut, entladen und transportiert wird. Für beschädigte Speicher können besondere Vorschriften (ADR) gelten.
  • Übergabeprotokoll: Das Merkblatt der vfdb enthält Fahrzeugdaten, Einsatzzeiten, Einsatzleiter, Zustand und Sicherheitshinweise.

Was heißt das für dich?

  • Rettungsdatenblatt holen, Trennstellen nutzen, Orange nie anfassen.
  • Temperatur über 30 Minuten messen und protokollieren.
  • Zwei Trupps diagonal, früh löschen, Abstand 1 m und 5 m.
  • Übergabe mit Sicherheitshinweisen und Protokoll.

Siehe auch: Brände von Elektrofahrzeugen, Fahrzeuge mit alternativen Antrieben, Fahrzeugtechnik bei Unfällen, Wärmebildkamera, Einsatzstellenhygiene.

Temperaturüberwachung
alle 5 Minuten, mindestens 30 Minuten, an mehreren Stellen
Strahlrohrabstand bei 5 bar
Sprühstrahl 1 m, Vollstrahl 5 m
Brandphasen E-Fahrzeug
Ausgasen, Brandentstehung, Vollbrand
Brandentstehungsphase im Versuch
10 bis 17 Minuten bis zum Vollbrand
Vollbrand bis Ende im Referenzversuch
38 bis 43 Minuten, danach lange Abklingphase
Löschwasser nur Hohlstrahlrohre
bis 6.700 l, mit sehr kurzen Sprühstößen bis 1.150 l
Brandbegrenzungsdecke
löscht nicht, sondern begrenzt
48-V-Bordnetz abschalten
Zündung aus, Minuspol 12 V, dann 48-V-Speicher
Hybridfahrzeug nach Stromausfall
Verbrennungsmotor kann anspringen
Spannungsfreiheit
nicht am Display erkennbar

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