Das Wichtigste in Kürze
- Wasserstoff ist nicht giftig, aber hochentzündlich und schwer wahrnehmbar. Er ist geruchlos und farblos, brennt mit einer kaum sichtbaren Flamme (Wärmebildkamera nutzen) und hat mit 4 bis 75 Vol.-% einen außergewöhnlich weiten Explosionsbereich. Bei einer Leckage muss man immer mit spontaner Zündung rechnen.
- Die Flamme nicht löschen. Brennender Wasserstoff wird abbrennen gelassen, die Umgebung gekühlt und die Gaszufuhr abgesperrt. Löschen führt vor allem in geschlossenen Räumen schnell zu einem explosionsfähigen Gemisch. Ausnahme: Flammenrückschlag in den Tank, Menschenrettung oder ein schweres Folgeereignis.
- Immer einen Löschangriff vorbereiten: ein Strahlrohr zum Kühlen und eines zum Löschen. Richtwert 15 l/m² bei Beflammung, 1,5 l/m² zur Kühlung der Umgebung.
- TPRD nie kühlen. Die thermisch aktivierte Druckentlastungsvorrichtung an Fahrzeugtanks lässt im Brand das Gas kontrolliert ab, mit Stichflammen bis etwa 20 m, meist nach hinten, unten oder seitlich. Von der Seite annähern.
- Nur explosionsgeschützte Geräte (auch Funk und Wärmebildkamera), Handy ablegen, Gehör- und Atemschutz an Lecks, weil man sich dort nicht mehr verständigen kann.
Eigenschaften
- Physikalisch: Kleinstes und leichtstes Element. Unter −253 °C flüssig. Das Gas steigt sehr schnell auf (etwa 14-mal leichter als Luft), ist nicht toxisch, kann aber Sauerstoff verdrängen. Es wird nicht odoriert, man kann es nicht riechen.
- Auftrieb ist der wichtigste Sicherheitsvorteil. Im Freien steigt Wasserstoff auf und verteilt sich. In geschlossenen Räumen muss man besonders aufpassen.
- Diffusion: Wasserstoff dringt durch Kunststoffe und Bauteile über Poren und Risse. Manche Metalle können verspröden.
- Zündung: Sehr geringe Zündenergie. Schon elektrostatische Aufladung des ausströmenden Gases kann zünden. Die Zündtemperatur liegt mit 585 °C im Bereich von Methan oder Propan. In geschlossenen Räumen kann die Verbrennung von der Deflagration in eine Detonation umschlagen.
- Katalyse: Bestimmte Metalle (zum Beispiel Platinmetalle) können eine spontane Reaktion auslösen.
- Flamme: Sie strahlt kaum sichtbares Licht und wenig Wärme ab, dafür UV-Strahlung. Bei Tageslicht ist sie aus der Distanz kaum erkennbar. Brennen andere Stoffe mit, wird sie sichtbar. Heißen Wasserdampf erkennt man mit der Wärmebildkamera.
- Tiefkalter Wasserstoff: verdampft rasch, kein ausgeprägtes Schwergasverhalten. Es kann sich aber ein kaltes, explosionsfähiges Gas-Nebel-Gemisch für einige Minuten am Boden halten.
Risiken im Überblick
- Druckgas, Behälterzerknall (typisch 700 bar bei Pkw).
- Tiefkalte Flüssigkeit, Erfrierungsgefahr. Metallschmuck verstärkt die Gefahr.
- Sauerstoffverdrängung in geschlossenen Räumen, auch durch Wasserdampf als Verbrennungsprodukt.
- Herabgesetztes Risikoempfinden: Der Stoff ist nicht wahrnehmbar, und die Flamme strahlt wenig Wärme ab.
- Explosionsgefahr bei Gasfreisetzung, besonders in Räumen.
- Lange Flamme und großer Lärm bei abbrennendem Druckgas. Verständigung in der Nähe des Lecks ist kaum möglich.
Die fünf Szenarien
- Szenario 1: Ausströmen ohne Brand im Freien. Kein besonderes Risiko, Explosionsgefahr nur direkt am Austritt. Schutzziel: Zündung vermeiden. Absperren wie bei einem Erdgasleitungsleck, Gaszufuhr abschiebern (bei Bedarf durch den Betreiber), messen am Austritt, um den Gefahrenbereich einzugrenzen. Im Freien kann man abwarten, bis sich der Wasserstoff verflüchtigt, und mit Sprühstrahl aus großer Distanz die Verdünnung beschleunigen. Für haushaltsübliche Mengen (zum Beispiel Füllung eines Kfz-Tanks, mehr als 1 kg und unter 10 kg) wird im Freien ähnlich vorgegangen wie bei einem Erdgasleck.
- Szenario 2: Ausströmen mit Brand im Freien. Flamme beachten, Behälterzerknall ist möglich. Ab der Größe von Tankstellen und Trailern initiale Absperrung 500 m, wenn Hinweise auf defekte Sicherheitseinrichtungen bestehen. Schutzziel: Ausweitung durch die Flamme vermeiden. Wirkbereich der Flamme mit Wärmebildkamera erkunden, absichern, vorgehende Kräfte einweisen. Gasflamme weiterbrennen lassen, nur Sekundärbrände löschen und kühlen. Flammengröße lässt sich mit dem Hohlstrahlrohr in gewissem Rahmen beeinflussen. Gaszufuhr abschiebern, Flamme nur bei Bedarf löschen, um einen Flammenrückschlag zu verhindern.
- Szenario 3: Ausströmen ohne Brand in Räumen. Sehr hohe Explosionsgefahr, Sauerstoffmangel vor allem im oberen Raumteil. Schutzziel: Zündung verhindern. Gefahrenbereich (Ex-Bereich, Weg der Druckwelle, möglicher Trümmerschatten) kennzeichnen und absperren, Personalansatz minimieren, lüften und die geringe Dichte nutzen, Gaszufuhr abschiebern oder den Behälter ins Freie bringen. Bei einer Freisetzung in einem Raum erscheinen 50 bis 100 m um den Raum ausreichend. Gelüftet wird von unten nach oben. Inertisieren eines Raumes ist wegen des weiten Zündbereichs nicht sinnvoll.
- Szenario 4: Ausströmen mit Brand in Räumen. Mäßige Explosionsgefahr, erhöhte Gefahr durch Behälterzerknall, Sauerstoffmangel. Wie Szenario 2, dazu bei Bedarf Luftzufuhr sicherstellen, damit die Flamme nicht unkontrolliert erlischt.
- Szenario 5: Sonderlage Kraftfahrzeug. Freisetzung meist nur nach schweren Unfällen oder bei Brand. Insassenraum und Laderaum als Räume betrachten. Fahrzeug abschalten nach der Rettungskarte, Brennstoffzelle = Hochvoltanlage. Wasserstoffanlage bei der technischen Rettung nicht beschädigen. Annäherung an ein brennendes Fahrzeug nur seitlich und mit großer Vorsicht (Stichflamme durch TPRD). Behälterzerknall ist möglich, aber wenig wahrscheinlich, Trümmerflug bis etwa 100 m.
Wasserstoff im Fahrzeug: die TPRD
- Was ist die TPRD: Eine thermisch aktivierte Druckentlastungsvorrichtung schützt den Tank vor dem Versagen. Im Brand lässt sie das gasförmige Wasserstoff kontrolliert ab.
- Stichflamme: meist nach hinten, unten oder seitlich, bis etwa 20 m lang.
- Lage der Tanks: bei Pkw meist im Fahrzeugboden, bei Bussen auf dem Dach, bei Lkw und Nutzfahrzeugen sehr unterschiedlich. Bei Pkw sind die Entlastungsventile kaum zugänglich, bei Bussen und Lkw können sie versehentlich getroffen werden.
- TPRD nicht kühlen: Wasser könnte die TPRD stärker abkühlen als den Druckbehälter, sie in der Funktion einschränken und einen Behälterzerknall begünstigen. Wasser deshalb nicht auf eine mögliche Austrittsstelle richten.
- Transportsysteme haben in der Regel keine TPRD.
- Zerknall im Versuch: Ein 350-bar-Behälter barst nach Schwächung der Verbundwerkstoffhülle im Feuer, der Radius des Trümmerfeldes betrug etwa 100 m.
- Annäherung: Der Emergency Response Guide zeigt Winkel zur Annäherung an Wasserstofffahrzeuge, die Annäherung erfolgt seitlich. Siehe Alternative Antriebe.
Abstände
- Zu Beginn: Gefahrenbereich 50 m, Absperrbereich 100 m, nach GAMS, bis weitere Erkenntnisse eine Anpassung erfordern. Siehe GAMS-Regel.
- Kein Feuer, kein Austritt: im Regelfall 50 m, auch bei Wasserstoff-Trailern.
- Wenn die Sicherheitseinrichtung defekt sein könnte, empfiehlt der Leitfaden die Abstände des Emergency Response Guide:
- Freisetzung ohne Feuer: Pkw und Stapler 100 m, Bus und Lkw 200 m, H₂-Trailer 100 m, Tankstelle 50 m oder 100 m, Züge 200 m.
- Freisetzung mit externer Beflammung: Pkw und Stapler 100 m, Bus und Lkw 200 m, H₂-Trailer 500 m, Tankstelle 500 m, Züge 200 m.
- Abschirmung: Bei Absperr- und Räumungsradien kann der abschirmende Effekt von Objekten und Gebäuden berücksichtigt werden.
- Große Mengen: Sind größere Mengen beteiligt, gehören sie in den Gefahrenbereich nach FwDV 500. Siehe FwDV 500.
Erkundung
- Schon im Notruf fragen: Welche Energieträger sind im Spiel? Hinweis auf Brennstoffzelle bedeutet auch Wasserstofftank.
- Art des Austritts: brennend, nicht brennend, Fahrzeugtank, ausgelöste Sicherheitseinrichtung, abgerissene Leitungen.
- Fahrzeuge: AUTO-Regel anwenden. Pkw: Tanks unter dem Fahrzeug. Busse: oben. Lkw: unten oder hinter der Kabine. Rettungskarte und Crash Recovery System nutzen, die Hersteller-Rettungsdatenblätter (der Weltfeuerwehrverband empfiehlt die Blätter von Euro Rescue).
- Kennzeichnung: Festverlegte Wasserstoffleitungen sind gelb mit roter Zusatzfarbe gekennzeichnet, Beschriftung schwarz. Fahrzeuge tragen die Kennzeichnung nach ISO 17840 in der Nähe des Tankdeckels.
- Technik prüfen: Kann die Gaszufuhr unterbrochen werden? Gibt es automatische Abschaltung, Not-Aus oder anlagenseitige Messeinrichtungen? Welche Menge ist gelagert? Kann Wasserstoff in nicht Ex-geschützte Lüftungen gelangen? Betreiberseitige Spezialisten heranziehen, Feuerwehrpläne beachten.
- Anzeichen für eine Leckage: Abströmgeräusch (nur Druckgas), Flamme (Wärmebild), Anzeige des Messgeräts, Nebelbildung (nur tiefkalt), ausgelöste Alarmeinrichtungen.
- Erkundung aus der Distanz: Sind Wärmequellen erkennbar? Stellen mit erhöhter Temperatur (150 °C) prüfen.
Ausrüstung und Messen
- Nur explosionsgeschützte Geräte: auch Funkgeräte und Wärmebildkamera. Handy und Metallteile besonders vorsichtig behandeln.
- Hydraulische Rettungsgeräte: akkubetriebene Geräte vermeiden.
- Wärmebildkamera: für alle vorgehenden Trupps nötig.
- Gasmessgeräte: Sensoren mit katalytischer Wärmetönung (Pellistoren) messen alle brennbaren Gase und sind für den Einsatz geeignet. Infrarotsensoren sind für Wasserstoff in der Regel ungeeignet, das ist in der Bedienungsanleitung oder beim Hersteller zu prüfen. Elektrochemische CO-Sensoren können als Spürhilfe helfen.
- Wo messen: oberhalb der Austrittsstelle großflächig, vor allem in Gebäuden.
- Annäherung an ein Leck: Vollständige PSA mit Atem- und Gehörschutz, Einweisung in die besondere Gefahrenlage und ein eindeutiger Einsatzauftrag, weil wegen des Lärms keine Verständigung möglich sein kann.
- Menschenrettung nach der 4-A-Regel mit Schutzrohr für die eingesetzten Kräfte.
Tiefkalter Wasserstoff
- Wo: vor allem bei ortsfester Lagerung in Industrie und Forschung und in manchen Lkw.
- Boil-off: Es wird ständig Gas freigesetzt. Das Abströmen darf nicht durch Verschließen der Öffnung unterbunden werden, sonst droht ein Behälterversagen.
- Gefahrenbereich: immer größer als bei Druckgas, weil das kalte Gas langsamer aufsteigt.
- Nebel: Die sichtbare Nebelwolke ist nicht identisch mit der Wasserstoffwolke, sie verdeckt Hindernisse.
- Ausbreitung nach unten (Kanalisation, Arbeitsgruben) ist nicht zu erwarten.
- Beflammung des Transportbehälters: Löst das Sicherheitsventil aus, besteht höchste Gefahr für einen BLEVE, weil der Ventilquerschnitt zu klein ist. Sofort Deckung in sicherer Entfernung.
- Erfrierungen: Haut und abgekühlte Gegenstände, Metallschmuck meiden.
Tiefgarage und Tunnel
- Verschärfung: In umschlossenen und teilumschlossenen Räumen steigt die Gefahr für Explosion und Brandausbreitung.
- Druckwelle: Sie kann sich gerichtet bis zur Entlastungsöffnung fortsetzen und dort noch in großer Entfernung wirken. In einem Tunnel setzt sie sich bis zu den Portalen fort, Querschläge und Portalumgebung gehören zum Gefahrenbereich. Bei Tiefgaragen kann die Standsicherheit beeinträchtigt werden.
- TPRD im Brand: erhebliche Steigerung der Brandintensität durch die zusätzliche Brennstoffzufuhr, hohe Ausbreitungsgefahr mangels Wärmeabfuhr.
- Schwierig einzuschätzen: das Bersten eines beflammten Behälters mit sofortiger Zündung in einem teilverbauten Raum.
Abschluss und Planung
- Übergabe: Die Einsatzstelle wird an sachkundige Personen übergeben (Betreiber, Wartungsunternehmen, Abschleppunternehmen, Energieversorger). Die Feuerwehr ist in der Regel nicht qualifiziert, den sicheren Zustand einer havarierten Anlage zu beurteilen.
- Beratung: Bei technischen Anlagen ist in der Regel eine sachkundige Beratung nach FwDV 500 nötig. Einsatzpläne sind für besondere Objekte zu erstellen, mindestens für Gefahrengruppen II und III.
- Ausbildung: Wasserstoff ist nicht mehr oder weniger gefährlich als andere Brennstoffe, aber anders.
Was heißt das für dich?
- Wasserstoff nicht riechen, nicht sehen, nicht hören: Messgerät und Wärmebildkamera gehören dazu.
- Flamme brennen lassen, kühlen, Zufuhr absperren. Nicht auf die TPRD spritzen.
- Seitlich ans Fahrzeug, Abstände einhalten, explosionsgeschützte Geräte, Handy weg.
- Rettungskarte nutzen. Brennstoffzelle bedeutet auch Hochvolt.
- Übergabe an Fachleute, nicht selbst „fertig machen“.
Siehe auch: Alternative Antriebe: Erdgas, Flüssiggas, Wasserstoff, Hybrid, Hochvolt-Fahrzeuge im Einsatz, Elektrofahrzeugbrand, Explosion, Tunnelbrand.
- Quelle
- AGBF/DFV „Wasserstoff – Leitfaden für Feuerwehren“ (2025-01), Fassung Dezember 2025, ersetzt Fassung von 2008
- Explosionsbereich
- 4 bis 75 Vol.-%
- Zündtemperatur
- 585 °C (Temperaturklasse T1)
- Siedepunkt
- −253 °C
- Auftrieb
- etwa 14-mal leichter als Luft
- Flamme
- kaum sichtbar, wenig Wärmestrahlung, UV-Strahlung
- Absperrung zu Beginn
- Gefahrenbereich 50 m, Absperrbereich 100 m (GAMS)
- Wasserabgabe
- 15 l/m² bei Beflammung, 1,5 l/m² Umgebungsschutz
- Trümmerflug beim Behälterzerknall
- Radius etwa 100 m (350-bar-Versuch)
- Stichflamme TPRD
- bis etwa 20 m
- Fahrzeugdruck
- 350 bar (Bus), 700 bar (Pkw)