Das Wichtigste in Kürze
- Der Zustand des Patienten bestimmt den Rettungsmodus: schnelle (zeitkontrollierte) Rettung oder Sofortrettung.
- Nicht ausgelöste Airbags können jederzeit zünden: Abstand 30-60-90 cm (Seiten- und Kopfairbag, Fahrer, Beifahrer), keine Geräte im Auslösebereich ablegen.
- Gurte früh abschneiden oder öffnen (Gurtstraffer!). Batterien nicht vor Abschluss der Menschenrettung abklemmen, die Fahrzeugelektrik hilft bei der Rettung.
- Rettungsdatenblatt zeigt Airbags, Gurtstraffer, Hochvolt, Gastank und hochfeste Bereiche: an der Fahrer-Sonnenblende, per QR-Code (Säule, Tankdeckel), Leitstelle (Kennzeichen) oder App Euro Rescue.
- AUTO-Regel zum Erkennen alternativer Antriebe, mehr dazu auf der Seite „Fahrzeuge mit alternativen Antrieben“.
- Hinweis
- Die Geräte- und Fahrzeugbeispiele (TSF, HLF 10) stehen für die Norm, Brandenburger Einsatzstichworte und Ausrückeordnungen findest du auf der Seite „H:VU Klemm“. Weisungen deines Trägers gehen vor.
- Merke
- Bei Verkehrsunfällen steht immer der Patient im Fokus. Das oberste Einsatzziel ist eine patientenorientierte, technisch-medizinische Rettung in möglichst kurzer Zeit.
Patient und Rettungsmodus
Die ersten Kräfte haben meist keine notfallmedizinische Ausbildung, deshalb beurteilen sie vor allem die Vitalfunktionen:
- Nicht-kritischer Patient: Verletzungen ohne unmittelbaren Einfluss auf die Vitalfunktionen, auch nicht zu erwarten.
- Kritischer Patient: Vitalfunktionen eingeschränkt (zum Beispiel schweres Schädel-Hirn-Trauma) oder bald zu erwarten.
- Eingeklemmte Person: ganz oder teilweise zwischen Gegenständen eingeklemmt und kann sich nicht selbst befreien (DIN 14011).
- Eingeschlossene Person: in der Bewegungsfreiheit eingeschränkt und kann sich nicht selbst befreien.
Rettungsmodus: Man geht grundsätzlich von schweren Verletzungen aus, die Rettung muss immer zügig sein.
- Schnelle (zeitkontrollierte) Rettung: Patient bei Bewusstsein, ansprechbar, Vitalfunktionen vorhanden, nicht lebensbedrohlich verletzt. Die Feuerwehr arbeitet patientenschonend mit vollständiger Stabilisierung, Glas- und Batteriemanagement, bei Bedarf mit Immobilisation und achsengerechter Rettung. Der Rettungsdienst gibt eine Zeitvorgabe in Minuten.
- Sofortrettung: lebensbedrohliche Umgebung (zum Beispiel Fahrzeugbrand), lebensbedrohliche unkontrollierte Blutung, bewusstlos oder ohne Vitalfunktion (Reanimation). Mögliche weitere Schäden werden in Kauf genommen, auf vollständige Stabilisierung, Glas- und Batteriemanagement und Immobilisation kann verzichtet werden.
Zeitziel: Die Befreiung eines Eingeklemmten soll möglichst in etwa 20 Minuten gelingen. Die Eintreffzeit kann am Fahrzeug notiert werden (Markierungsstift).
Zeitmanagement und Taktik
Die Maßnahmen laufen parallel, nicht der Reihe nach. Voraussetzung ist Einsatz mit Bereitstellung und Vorbefehle:
- Der Einheitsführer nimmt mindestens einen Trupp (meist Angriffstrupp) zur Erkundung mit, der nahtlos zur Erstversorgung übergeht.
- Die ABS-Erstmaßnahmen laufen parallel zur Erkundung.
- Parallel zu den Absprachen der Einheitsführer baut die Mannschaft die Geräteablage THL auf.
Taktischer Einsatzwert eines Fahrzeugs: Er hängt vom technischen Wert (Beladung und Besatzung) und von den Umständen ab (tatsächlich anwesende Mannschaft, besonders tagsüber bei Freiwilligen, und Platz an der Einsatzstelle). Große, gut beladene Fahrzeuge sind in enger Bebauung weniger wert.
Aufbau des Pkw und Ansatzpunkte
Wer die Bauteilbegriffe kennt (A-, B-, C-Säule, Holme, Schweller, Mitteltunnel), verständigt sich eindeutig und setzt Geräte richtig an. Mögliche Ansatzpunkte:
- Verbindungen von Säulen und Holmen
- Türschlösser und Scharniere
- Sicherheitsgurt (Gurtschloss, Höhenverstellung)
- Feststellbremse und Mitteltunnel
- Sitzbefestigungen
- Armaturenbrett-Querträger
Hochfeste Bereiche und Verstärkungen sind im Rettungsdatenblatt markiert. Dort nicht schneiden.
Airbags
- Arten: Fahrer- und Beifahrer-, Seiten-, Kopf-, Knie- und Sitzflächenairbags, Airbags im Gurt, in der Sitzlehne oder im Dach, Fußgängerschutz-Airbags an Motorhaube oder Windschutzscheibe.
- Nicht alle lösen aus, auch nicht bei schweren Unfällen. Bei nicht ausgelösten Airbags gilt die 30-60-90-Regel: 30 cm zu Seiten- und Kopfairbags, 60 cm zum Fahrerairbag, 90 cm zum Beifahrerairbag.
- Geht der Abstand nicht, die Aufenthaltsdauer minimieren. Keine Geräte im Auslösebereich ablegen. Rückhaltevorrichtungen für Airbags kritisch sehen.
- Ausgelöste Luftsäcke können weggedrückt oder abgeschnitten werden (Gurtmesser).
- Innenraum nach Airbags erkunden, besonders bevor man Geräte ansetzt.
Gurt und Gurtstraffer
Der Gurt verteilt die Kräfte auf den Körper und hält die Insassen in Position. Der Gurtstraffer (Gasgenerator oder Feder) zieht den Gurt straff, auch bei Überschlag. Gurte früh lösen oder durchtrennen (Schere aus dem Verbandkasten, Gurtmesser), damit ein auslösender Gurtstraffer niemanden verletzt.
Batterien und Bordnetz
- Moderne Fahrzeuge lösen bei einem Aufprall Notfallschaltungen aus (Trennung der Batteriepole), Komfortfunktionen wie Warnblinker und Fensterheber bleiben oft aktiv.
- Grundsätzlich nicht vor Abschluss der Menschenrettung abklemmen. Vorteil des Abklemmens wäre weniger Kurzschlussgefahr, Nachteil: Fensterheber, Sitz- und Lenkradverstellung, Feststellbremse, verriegelte Klappen, Sitzheizung und Schiebedach fallen aus, die der Rettung helfen. Der Brandgefahr begegnet man mit zweifachem Brandschutz.
- Oft sind zwei oder mehr Batterien verbaut. Das Rettungsdatenblatt zeigt sie. Abklemmen vor der Übergabe der Einsatzstelle an Polizei oder Abschleppdienst kann lageabhängig erfolgen.
- Beim Abklemmen immer zuerst den Masseanschluss (Minuspol).
Rettungsdatenblatt
Auch Rettungskarte genannt. Es zeigt Airbags, Gurtstraffer, Gasgenerator, Batterien, Hochvoltbauteile und -trennstellen, Treibstoff- und Gastank, Überrollschutz und hochfeste Bereiche und hilft, sicher und gezielt zu befreien.
Fundorte: ausgedruckt im Fahrzeug (empfohlen: Fahrer-Sonnenblende), QR-Code am Fahrzeug (an Säulen oder im Tankdeckel), Kennzeichenabfrage über die Leitstelle, App Euro Rescue (Euro NCAP, kostenlos).
Alternative Antriebe erkennen
Mit der AUTO-Regel: Austretende Betriebsstoffe (hören, riechen, sehen), Unterboden, Kofferraum und Motorhaube (Gastanks, orange Hochvoltleitungen), Tankdeckel öffnen (QR-Code, mehrere Klappen, Ladesystem), Oberfläche absuchen (kein Auspuff, Beschriftungen, Überdruckventile). Mehr auf der Seite „Fahrzeuge mit alternativen Antrieben“.