Krebsrisiko im Feuerwehrdienst: IARC-Einstufung und Studien

Gefahren der Einsatzstelle

Das Wichtigste in Kürze

  • Die IARC (Krebsforschungsagentur der WHO) hat 2022 die berufliche Exposition als Feuerwehreinsatzkraft in Gruppe 1 eingestuft: „krebserregend für den Menschen“. Vorher (2007) war es Gruppe 2B („möglicherweise“). Die Einstufung gilt ausdrücklich auch für Freiwillige, Frauen und Teilzeitkräfte und unabhängig von der Einsatzart.
  • Wie sicher die Belege sind, hängt von der Krebsart ab: Ausreichende Hinweise gibt es für Mesotheliom (Asbest) und Blasenkrebs. Eingeschränkte Hinweise gibt es für Darm-, Prostata- und Hodenkrebs, malignes Melanom und Non-Hodgkin-Lymphom.
  • Gruppe 1 sagt nichts über die Höhe des Risikos. Sie sagt, dass die Tätigkeit Gefährdungen enthält, die Krebs auslösen können.
  • Die Exposition ist von Einsatz zu Einsatz verschieden: Sie hängt von Position, Größe und Dauer des Feuers, brennenden Materialien und der PSA ab. Ein Gemisch aus Brandrauch lässt sich nicht auf einzelne Stoffe zurückführen.
  • Messungen bei deutschen Einsätzen: Die PAK-Aufnahme lag deutlich unter der von Industriearbeitern (zum Beispiel Kokerei). Die DGUV sieht die Tätigkeit unter den heutigen Schutzbedingungen als insgesamt sicher an, ein individuell erhöhtes Risiko lässt sich aber nicht ausschließen.
  • Deshalb: Atemschutz, Einsatzstellenhygiene, Duschen und das Expositionsverzeichnis konsequent nutzen.

Was die IARC bewertet hat

  • 2007: Die IARC stufte die berufliche Exposition als Feuerwehreinsatzkraft als möglicherweise krebserregend ein (Gruppe 2B, begrenzte Evidenz). Berücksichtigt wurden 42 Studien, zum Beispiel mit erhöhtem Risiko für Hodenkrebs, Prostatakrebs und Non-Hodgkin-Lymphom.
  • 2022: Neubewertung auf Basis von 52 epidemiologischen Studien. Ergebnis: krebserregend für den Menschen (Gruppe 1). Die Exposition weist wesentliche Merkmale von Karzinogenen auf. Tierstudien gibt es dafür nicht, die Einstufung beruht auf Beobachtungsstudien an Menschen und den Eigenschaften der Exposition.
  • Ausreichende Evidenz (wenig bis keine Unterschiede zwischen den Studien, Zufall oder Verzerrung unwahrscheinlich): Mesotheliom (eine Asbestexposition ist wahrscheinlich) und Blasenkrebs.
  • Eingeschränkte Evidenz: Darmkrebs, Prostatakrebs, Hodenkrebs, malignes Melanom und Non-Hodgkin-Lymphom, hier sind Zufall, Verzerrung oder Störfaktoren möglich. In der Meta-Analyse lagen die Risikoverhältnisse bei Prostatakrebs bei etwa 1,2, bei Hodenkrebs bei etwa 1,4 und beim Non-Hodgkin-Lymphom bei etwa 1,1.
  • Relatives Risiko (RR): Verhältnis der Erkrankungsrisiken von Exponierten und Nicht-Exponierten. RR = 1 heißt gleiches Risiko, über 1 höheres Risiko. Meist wird mit der Allgemeinbevölkerung verglichen.
  • Gruppe 1 bedeutet nicht „besonders hohes Risiko“. Anders als im Berufskrankheitenrecht spielt die Höhe der Risikoerhöhung bei der Einstufung keine Rolle.
  • Für wen gilt das? Die IARC sagt: für alle Einsatzkräfte, auch Freiwillige, Frauen und Teilzeitbeschäftigte, und unabhängig von der Einsatzart, zum Beispiel Waldbrandbekämpfung. Die Meta-Analyse selbst hatte Frauen, Teilzeitkräfte und Freiwillige ausgeschlossen.

Was im Brandrauch steckt

  • Brandrauch ist ein Gemisch aus einer Vielzahl von Stoffen. Dazu gehören potenziell krebserzeugende wie polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK), Benzol, Cadmium, Dioxine, Asbest und Quarz. Auch Strahlung kann eine Rolle spielen.
  • Die Zusammensetzung hängt von Brandgut, Sauerstoffzufuhr und Temperatur ab. Jeder Brandeinsatz ist anders, die Exposition ist es auch.
  • Wie viel du abbekommst, hängt von deiner Position im Einsatz, der Größe und Dauer des Feuers, den brennenden Materialien und der PSA ab.
  • Ein einzelner Stoff als Ursache lässt sich nicht benennen, weil ein Expositionsgemisch vorliegt.
  • Zum Gefahrstoffrecht und zur Dokumentation siehe Einsatzstellenhygiene (Abschnitt Krebsrisiko und Expositionsverzeichnis).

Messungen bei deutschen Einsätzen (IPA)

Das Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der DGUV (IPA) hat in einem Biomonitoring Urinproben von Einsatzkräften vor und nach Wohnungsbränden untersucht (54 Einsatzkräfte). Gemessen wurde 1-Hydroxypyren (1-OHP), ein Abbauprodukt von PAK.

  • Mehr Aufnahme bei: starker Rauchentwicklung, tiefer Rauchschicht und geringer Sichtweite, beim Innenangriff mit vollständig angelegter PSA und Atemschutz im Vergleich zu anderen Funktionen und mit zunehmender Dauer unter Atemschutz.
  • Deutlich niedriger als in der Industrie: Die Werte lagen im Vergleich mit Beschäftigten, zum Beispiel in Kokereien, deutlich niedriger.
  • Fazit des Projekts (2018 bis 2022): Die derzeit eingesetzten Präventionsmaßnahmen sind geeignet, die PAK-Belastung zu minimieren. Die Tätigkeit unter gegenwärtigen Schutzbedingungen ist insgesamt als sicher anzusehen. Generell nicht auszuschließen bleibt ein individuell erhöhtes Krebsrisiko durch die Brandbekämpfung.

Warum die Studien nicht einfach zu deuten sind

  • Healthy-Worker-Effekt: Berufstätige sind oft gesünder als die Gesamtbevölkerung. Das lässt das Risiko kleiner erscheinen. Beispiel: In einer australischen Kohorte lag die Gesamtsterblichkeit 34 Prozent niedriger als in der Bevölkerung.
  • Healthy-Worker-Survivor-Bias: Weniger gesunde Beschäftigte wechseln auf Arbeitsplätze mit weniger Exposition, die Gesünderen bleiben. Das unterschätzt das Risiko.
  • Detection Bias: Eine bessere medizinische Überwachung (zum Beispiel PSA-Screening bei Prostatakrebs) kann das Risiko überschätzen. In einer norwegischen Studie waren erkrankte Einsatzkräfte bei der Diagnose jünger, hatten niedrige PSA-Werte und weniger aggressive Tumore. Wird das Alter berücksichtigt, gab es keine Unterschiede.
  • Veränderung über die Zeit: Eine IPA-Meta-Analyse sah einen Risikoanstieg für Prostatakrebs für Beschäftigte, die nach 1970 anfingen, das Sterberisiko daran sank aber.
  • Kleine Studien: Eine Untersuchung der Feuerwehr Neubrandenburg (100 Einsatzkräfte, 1990 bis 2018) fand kein statistisch signifikant höheres Risiko, war aber zu klein, um aussagekräftig zu sein.

Freiwillige und Berufsfeuerwehr in einer australischen Studie

Die australische Studie (1980 bis 2011) verglich Neuerkrankungen mit der Allgemeinbevölkerung:

  • Berufsfeuerwehr (rund 29.000): Krebs gesamt 9 Prozent höher, Blasenkrebs 22 Prozent niedriger, Prostatakrebs 31 Prozent höher, malignes Melanom 44 Prozent höher.
  • Freiwillige Feuerwehr (rund 163.000): Krebs gesamt 14 Prozent niedriger, Blasenkrebs 40 Prozent niedriger, Prostatakrebs 12 Prozent höher, malignes Melanom wie in der Bevölkerung.
  • Frauen: Das Krebsrisiko war vergleichbar mit dem der weiblichen Bevölkerung, die meisten hatten nur wenige Einsätze, die Gruppe war im Schnitt noch jung.
  • Wichtig: Das sind Beobachtungen aus Australien, keine Aussage für einzelne Einsatzkräfte. Die IARC wendet ihre Einstufung ausdrücklich auch auf Freiwillige an.

Was folgt daraus?

  • Berufskrankheiten: Die IARC-Einstufung hat keine direkten Auswirkungen auf nationale Gesetze. Im Berufskrankheitenrecht besteht aber die Möglichkeit, unter anderem Mesotheliome und Blasenkrebs als Berufskrankheit anzuerkennen und zu entschädigen.
  • Vorsorge: Die DGUV fordert, Maßnahmen zur Expositionsminderung und Einsatzstellenhygiene konsequent anzuwenden und weiterzuentwickeln. Dazu gehören Atemschutz auch bei Nachlöscharbeiten, Schwarz-Weiß-Trennung, Duschen, Wechsel der Kleidung und die Dokumentation im Expositionsverzeichnis.
  • Vegetationsbrände: Dort tragen Einsatzkräfte in der Regel keinen Pressluftatmer, und je nach Wetter nicht die vollständige PSA. Aufnahme über Atemwege und Haut ist möglich. Ein Biomonitoring bei Einsatzkräften der Bundeswehr auf Truppenübungsplätzen war ab Frühjahr 2025 geplant. Siehe Vegetationsbrand.
  • Weibliche Einsatzkräfte: Die DGUV forscht zur Frage, ob die Einsatzkleidung für Frauen bedarfsgerecht ist.
  • Werkstätten: Zur Belastung in Atemschutz- und Schlauchwerkstätten gibt es kaum Literatur, auch dazu läuft Forschung.
  • Weitere Forschung: Ein ExpoScreening wertet Blut- und Urinproben der IPA-Studie weiter aus (zum Beispiel Dioxin).

Was heißt das für dich?

  • Atemschutz konsequent tragen: laut DGUV-Checkliste auch bei Nachlöscharbeiten und Aufräumarbeiten.
  • Nach jedem Brandeinsatz: PSA ablegen, Hände, Gesicht, Hals und Nacken reinigen, duschen und saubere Kleidung anziehen.
  • Einsätze dokumentieren lassen: Wenn später eine Erkrankung auftritt, hilft ein Nachweis der Exposition.
  • Keine Panik: Die DGUV sieht die Tätigkeit unter heutigen Schutzbedingungen insgesamt als sicher, aber ohne Ausnahme ausschließen kann sie ein erhöhtes Risiko nicht. Deshalb gilt: Schutz und Hygiene konsequent.
IARC 2007
Gruppe 2B: möglicherweise krebserregend (42 Studien)
IARC 2022
Gruppe 1: krebserregend für den Menschen (52 Studien, Monographie 132, 2023 veröffentlicht)
Ausreichende Evidenz
Mesotheliom und Blasenkrebs
Eingeschränkte Evidenz
Darm-, Prostata- und Hodenkrebs, malignes Melanom, Non-Hodgkin-Lymphom
Typische Stoffe im Brandrauch
PAK, Benzol, Cadmium, Dioxine, Asbest, Quarz und weitere
Biomonitoring-Studie des IPA
54 Einsatzkräfte bei Wohnungsbränden, Laufzeit des Projekts 2018 bis 2022
Gilt für Freiwillige
ja, nach Aussage der IARC (Einstufung für alle Einsatzkräfte)
Quelle
Vortrag Dr. Dirk Taeger (DGUV, IPA), 6. DGUV Fachgespräch „Feuerwehren und Hilfeleistungsorganisatoren“, 10. Dezember 2024

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