Das Wichtigste in Kürze
- Reetdachbrände enden trotz großem Einsatz oft im Totalschaden. Löschwasser läuft wie Regen vom Dach ab und dringt kaum in die gebundene Reetschicht ein. Das Feuer breitet sich in der Tiefe und auf der Innenseite weiter aus.
- Der Brand ist brandlastgesteuert: Das Reet steht frei und ist luftdurchlässig, die Brandlast sind Reet und Holzdachstuhl. Nach dem Abflammen der Oberfläche folgt ein Glimmbrand, dann ein flächiger Vollbrand mit teils über 1.500 °C.
- Taktik: Mit dem Sprühstrahl wenig Wasser oberflächlich aufbringen, die Kühlung beibehalten und die Eindeckung in Abstand zum Brandherd öffnen (Schneise). Dafür helfen Drehleiter und Reetdachdecker.
- Vollbrand: Gegen den Totalverlust hilft Löschen kaum. Man schützt Nachbargebäude und lässt unter Umständen kontrolliert abbrennen.
- Netzmittel und Schaum nur sehr begrenzt, nie zum Schutz benachbarter Reetdächer.
- Quelle
- Leitfaden Reetdachbrände der Landesfeuerwehrschule Schleswig-Holstein (Stand Februar 2015)
- Dicke der Eindeckung
- mindestens 30 cm (etwa 30 bis 45 cm)
- Flächenmasse
- bis zu 60 kg/m²
- Zündtemperatur / Glimmtemperatur
- etwa 450 °C / 250 °C
- Temperatur im Vollbrand
- teils über 1.500 °C
- Ziel
- Entstehungsbrand beherrschen, bevor das Dach flächig brennt
- Hinweis
- Das Vorgehen kommt aus Schleswig-Holstein. In Brandenburg gelten die Weisungen deines Trägers.
Warum Reetdächer so schwer zu löschen sind
Das Reet liegt in einer mindestens 30 cm dicken Schicht, fest gebunden mit Draht. Wasser läuft ab und kommt schlecht in die Schicht. Dazu werden Dachböden zunehmend von innen gedämmt und ausgebaut (Wohnraum). Das erschwert den Zugang zur Eindeckung von innen und verändert das Brandverhalten. Der Eigentümer hat ein hohes Interesse, den Schaden klein zu halten, ebenso Feuerwehr, Versicherer und Dachdeckerhandwerk.
Brandverhalten
Weil das Dach frei steht und die Konstruktion sehr luftdurchlässig ist, sind Reetdachbrände brandlastgesteuert (nicht ventilationsgesteuert). Brennstoff sind das Reet und der hölzerne Dachstuhl.
- Entzündung und Abflammen: Die Oberfläche brennt über die ganze Bauteilfläche (innen und/oder außen, je nach Zündquelle).
- Glimmbrand: Die Intensität sinkt, es gibt nur noch gelegentlich Flammen, vor allem an den Rändern. Der Brand dringt in tiefere Schichten vor.
- Vollbrand: Das Dach brennt flächig mit hoher Energiefreisetzung, bis über 1.500 °C. Die höchsten Temperaturen und Strahlungsstärken entstehen nach dem Einsturz der Dachkonstruktion. Er klingt erst ab, wenn alles Brennbare verbrannt ist.
Historische Dächer mit brennbarer Bindung (Sisal, Kokos) können abrutschen oder abstürzen, wenn die Bindung durchbrennt. Das kann den Brand ausbreiten oder das Gegenteil bewirken.
Brandschutzsysteme (Platten unter der Reetdeckung, Imprägnierung, Beschichtungen) können die Brandgefahr mindern. Für weiche Bedachungen gelten größere Grenzabstände nach der Landesbauordnung.
Vorbereitung
- Einsatzplanung lohnt sich bei reetgedeckten Objekten, wenn erhöhte Brandgefahren, viele Personen, besondere Nutzung, kritische Rettungswege, schwierige Löschwasserversorgung oder schwierige Zufahrt dazukommen. Bei mehreren ähnlichen Objekten genügt eine Standard-Einsatzregel.
- Objektkunde: Die Verfügungsberechtigten müssen sie dulden. In der Truppmannausbildung Teil 2 kommt sie vor.
- Reetdachdecker vorab kennen und in der Alarm- und Ausrückeordnung und bei der Leitstelle berücksichtigen, samt Nachforderung von Spezialgerät.
- Löschwasser: Wegen der Gefahr der Brandausbreitung wird nach dem DVGW-Regelwerk meist der mittlere Bedarf von 96 m³/h angesetzt. Bei kleinen ländlichen Siedlungen mit 2 bis 10 Objekten können auch 48 m³/h ausreichen. Die Gemeinde legt das nach pflichtgemäßem Ermessen fest.
Ausrüstung
Die Normbeladung von TSF, Staffel- und Löschgruppenfahrzeugen reicht für das Löschen. Besonderer Aufwand entsteht eher durch Objektgröße, Nachbarschaft, Löschwasser und Wetter (Wind, Trockenheit).
- Atemschutz und lückenlose Atemschutzüberwachung, Kommunikation, Beleuchtung.
- Leitern: Steckleiter und Schiebleiter, Sprungpolster zur schnellen Evakuierung, bei Bedarf Multifunktionsleiter und Rettungsplattform. Anleiterbereitschaft und Absturzsicherung beachten.
- Trennen: Seitenschneider, Drahtscheren und Bolzenschneider, bei Bedarf Säbelsäge, Motorsäge, Rettungssäge.
- Wärmebildkamera mit Fernthermometer. Einreißhaken, Forke und Dunghaken bewegen loses Reet, zum Auftrennen der Bindung taugt der Einreißhaken nicht, weil sie aus Metall ist.
- Löschlanzen und Fog-Nails für Wasser in die Hinterlüftungsebene. Der Erfolg wird kontrolliert, damit nicht hinter der Unterspannbahn nutzlos gelöscht oder Wasserschaden angerichtet wird.
- Drehleiter, wenn das Dach nicht betreten werden kann oder die Dachhaut von außen zu öffnen ist.
- Reetdachdecker: Sie beraten und helfen mit Bolzenschneider, Drahtschere, Motorheckenschere und Dachdeckerstuhl. Die Eindeckung wird möglichst nur unter fachkundiger Anleitung geöffnet, weil falscher Geräteeinsatz Unfälle, Zeitverlust und kaputtes Gerät verursachen kann.
Gefahren
Besonders wichtig sind die Ausbreitung und Einsturz und Absturz: Konstruktionen können durch Abbrand versagen, Dachteile und Material fallen herab, das Arbeiten auf dem Dach ist gefährlich. Die Gefahrenmatrix hilft bei der Beurteilung. Für den Wechsel der Kräfte und eine schnelle Rettung von Kameraden und Bewohnern sollen genug ausgebildete Kräfte vor Ort sein.
Taktik: Fünf Szenarien
Vorher klärt man: Wo brennt es genau und wie weit ist es fortgeschritten? Wie groß ist das Dach? Welche Gebäude und Eindeckungen liegen daneben? Wind? Zustand und Alter des Dachs? Wie ist der bauliche Brandschutz (Schottungen, Brandschutzsystem)?
- Firstbrand (kleiner Entstehungsbrand außen): Den Bereich und die Umgebung mit wenig Wasser im Sprühstrahl oberflächlich benetzen. Auch bei scheinbarem Löscherfolg weiter kühlen, bis die Eindeckung geöffnet ist. Dachränder, Einbauten und Durchdringungen auf Rauch beobachten und parallel im Gebäude kontrollieren (mit Löschbereitschaft). Dann die Eindeckung in einigem Abstand zum Brandherd öffnen, sodass eine Schneise entsteht, an der sich das Feuer nicht weiter ausbreitet. Das setzt eine ausreichende Kühlung voraus und erreichbare Bereiche (Drehleiter, Reetdachdecker).
- Trauf- oder Ortgangbrand: wie Szenario 1. Dazu die Unterseite des Daches besprühen (unter Traufe und Ortgang) und, wenn möglich, die Hinterlüftung kühlen. Hat das Feuer die Dachunterseite noch nicht erreicht, wird die Hinterlüftung auf keinen Fall gewaltsam geöffnet.
- Brand der Dachunterseite: Innenangriff unter dem Dach nur, wenn er noch möglich ist, weil die Gefahr einer schlagartigen Durchzündung besteht. Unverzüglich eine Wärmeabzugsöffnung im Dach schaffen und dafür sicher und zügig anleitern. Zeigt sich starke Rauchentwicklung (thermische Aufbereitung), wird sofort weiträumig evakuiert.
- Zimmerbrand (Schottung zum Dach intakt): zeitnahe Innenbrandbekämpfung, bevor raumbildende und schottende Bauteile über ihre Feuerwiderstandsdauer hinaus belastet werden und versagen. Angrenzende Bereiche werden parallel mit Löschbereitschaft kontrolliert.
- Vollbrand: Ein Totalverlust ist zu erwarten. Mehr Löschkräfte auf das Objekt verzögern nur, verursachen Löschwasserschäden und binden Kräfte, die für Nachbargebäude fehlen. Dann hat unter Umständen kontrolliertes Abbrennen Vorrang, und man schützt benachbarte Objekte durch Riegelstellungen und Wasserwände.
Unterstützend: Löschbereitschaft („Wasser am Strahlrohr“) an mehreren Stellen im und am Objekt herstellen, aber nur kontrolliert auf erkannte Schadenfeuer wirken (Wasserschäden). Früh für ausreichend Löschwasser sorgen und weitere Kräfte, Hubrettung und Spezialgerät nachfordern, am besten schon in der Alarm- und Ausrückeordnung.
Netzmittel und Schaum
Netzmittel und Schaum sind nur sehr begrenzt sinnvoll: bei losem Reet, das schon vom Dach geholt wurde, bei Glimmbränden und bei oberflächlich brennendem Reet sowie Heide- oder Soden-Firsten. Bei intakten Reetflächen eines brennenden Objekts wird darauf verzichtet, weil eindringendes Netzmittelwasser Dach, Holzkonstruktion und Wohnbereich schädigen kann. Nie zum Schutz benachbarter Reetdächer: Das Mittel bleibt lange auf dem Dach, durchfeuchtet die Eindeckung stärker und verkürzt ihre Haltbarkeit.
Führung und Fachberatung
Arbeiten mehrere Feuerwehren zusammen, bildet man Abschnitte mit Abschnittsleitern und einer Einsatzleitung. Eine Führungseinheit (zum Beispiel Führungsgruppe, TEL) wird früh eingerichtet. Fachberater aus dem Dachdeckerhandwerk beraten zu den Besonderheiten reetgedeckter Objekte, der Eigentümer gibt Auskunft zum Objekt (siehe Seite Führungseinheiten).