Verkehrsunfall Pkw: Erstmaßnahmen der ersteintreffenden Einheit

Technische Hilfeleistung

Das Wichtigste in Kürze

  • ABS: Absichern der Einsatzstelle, Brandschutz sicherstellen (mindestens zweifach), Stabilisieren der Lage (Patient und Fahrzeug).
  • Fahrzeug parallel zur Fahrbahn, Lenkung zur verkehrsabgewandten Seite, Frontblitzer aus. Lagemeldung auf Sicht an die Leitstelle.
  • Erkunden in vier Phasen mit mindestens einem Trupp: Frontalansicht, Befragung, Innenansicht, Gesamtübersicht (AUTO-Regel).
  • Fahrzeug stabilisieren: gegen Wegrollen sichern (Feststellbremse, P, Zündung aus) und an mindestens drei Punkten am Schweller unterbauen.
  • Innerer Retter zum Patienten: ankündigen, kritische Blutung stoppen, beruhigen, Wärme erhalten, Gurt lösen, Glas unterstützen.
Hinweis
Die Geräte- und Fahrzeugbeispiele (TSF, HLF 10) stehen für die Norm, Brandenburger Einsatzstichworte und Ausrückeordnungen findest du auf der Seite „H:VU Klemm“. Weisungen deines Trägers gehen vor.
Beispielfahrzeug
Die Fachinformation zeigt, dass schon mit der Mindestausrüstung eines TSF/TSA wirksame Erstmaßnahmen möglich sind. Eine Geräteablage THL lässt sich mit der TSF-Mindestbeladung nicht aufbauen.

Führung

Fahrzeug aufstellen

Bei der Anfahrt über die Möglichkeiten der Einsatzmittel nachdenken. Beim Eintreffen entscheiden, ob das Fahrzeug nah (kurze Wege für schweres Gerät) oder mit Abstand steht (Warnfunktion zum Verkehr, abgesicherter Arbeitsbereich, Platz für nachrückende Fahrzeuge mit hydraulischem Rettungssatz, Hebegerät, Rettungsplattform oder Zugeinrichtung).

  • Parallel zur Fahrbahn, damit die Heckwarnung weit sichtbar ist.
  • Abblendlicht, blaues Blinklicht, Warnblinklicht, Heckwarnsystem an, Frontblitzer aus (Blendung), Lenkung zur verkehrsabgewandten Seite.
  • Die Aufstellung ist eine Erstmaßnahme. Eine Neupositionierung möglichst vermeiden.

Lagemeldung auf Sicht

Möglichst sofort, spätestens nach der ersten Erkundung. Sie bestätigt der Leitstelle den Notruf und gibt die tatsächliche Lage durch. Dafür kann der Maschinist beauftragt werden, während der Einheitsführer erkundet und die Mannschaft ABS ausführt.
Inhalt: Alarmbild und Adresse bestätigen oder korrigieren (ggf. nachfordern), kurze Einschätzung, Anzahl, Art und Zustand der Fahrzeuge, Brand oder Rauch erkennbar?, Gefahrgut beteiligt?

Erkunden in vier Phasen

Der Einheitsführer nimmt einen Trupp mit (Angriffstrupp), der unterstützt und sofort Erste Hilfe übernimmt. Patienten werden ständig bis zur Übergabe an den Rettungsdienst betreut.

  1. Frontalansicht: schon auf dem Weg hören, riechen, sehen. Verkehr, Art und Zahl der Fahrzeuge, Schäden an Fahrzeugen, Anlagen, Gebäuden, Natur.
  2. Befragung: von vorne nähern (Kopfbewegungen der Insassen vermeiden). Zeugen, Ersthelfer, ansprechbare Insassen: Zahl und Ort weiterer Insassen, Gesundheitszustand, Beladung.
  3. Innenansicht: erste Beurteilung des Zustands und der Schwere der Einklemmung, weitere Insassen, Beladung und Gefahren, Rettungsdatenblatt.
  4. Gesamtübersicht: Blick vom Fahrzeug weg auf die Umgebung, ggf. Wärmebildkamera, auslaufende Betriebsmittel und Brandgefahr, AUTO-Regel, Gelände, Bepflanzung, Bebauung.

Einsatzschwerpunkte: ABS und Recht

ABS legt die Prioritäten fest:

  • A – Absichern: sicherer Arbeitsbereich, Schutz vor Folgeunfällen (siehe Seite „Einsatzstelle gegen Verkehr sichern“).
  • B – Brandschutz: vorbeugend mindestens zweifach (meist Pulver und Wasser).
  • S – Stabilisieren: den Patienten und das Fahrzeug. Die Stabilität beurteilt der Einheitsführer des Abschnitts.

§ 15 Abs. 1 DGUV Vorschrift 49: Im Feuerwehrdienst dürfen nur Maßnahmen getroffen werden, die ein sicheres Tätigwerden ermöglichen. Im Einzelfall darf zur Rettung aus Lebensgefahr unter Beachtung des Eigenschutzes abgewichen werden. Wird ein Einsatzmittel dabei nicht bestimmungsgemäß benutzt, wird danach geprüft, ob es entsorgt werden muss oder eine Prüfung genügt.

Ordnung des Raumes

  • Arbeitsbereich: etwa 5 m Radius um das Unfallfahrzeug, nur Kräfte, die direkt am Fahrzeug arbeiten.
  • Absperrbereich: in ausreichendem Abstand, Bewegungsfläche, Geräteablagen, Schrottablage, Einsatzfahrzeuge. Größe nach Lage und Gefahr.
  • Geräteablage THL: auf einer Plane, zugleich Bereitstellung für freie Kräfte.
  • Geräteablage Rettungsdienst.
  • Schrottablage: so, dass sie die Rettung nicht behindert.
  • Fahrzeuge so aufstellen, dass der Zugang zu den Geräten schnell geht und An- und Abfahrt des Rettungsdienstes frei bleibt.

Erstzugang festlegen

Der Gruppenführer wählt den Zugang für den Inneren Retter, ggf. mehrere. Meist am einfachsten: offene Tür. Dann eine zerstörte Seitenscheibe (Verletzungsgefahr beachten) oder der Weg über Kofferraum oder Heckklappe. Geht nichts davon, wird gewaltsam ein Zugang geschaffen.

Mannschaft

Absichern und Brandschutz

  • Verkehrsabsicherung: Beispiel Mindestausrüstung TSA 2 Warndreiecke und 2 Warnleuchten, TSF zusätzlich 4 Leitkegel. Mehr auf der Seite zur Verkehrsabsicherung.
  • Brandschutz: TSA hat einen tragbaren Pulverlöscher (einfach), TSF zusätzlich eine gefüllte Kübelspritze (zweifach). Liegt in der Nähe ein Hydrant oder offenes Gewässer, erreicht auch ein TSA zweifachen Schutz. Erhöhte Brandgefahr oder ABC: zusätzlich CO₂-Löscher oder Schaumangriff (dreifach).

Fahrzeug stabilisieren

Zwei Schritte: gegen Wegrollen sichern und unterbauen.

  • Wegrollen: möglichst beidseitig an der nicht gelenkten Achse, vor und hinter dem Rad. Mit Unterlegkeilen, einfach auch Stützkrümmer und Druckschläuche.
  • Im Fahrzeug: Feststellbremse anziehen, Schalthebel auf P oder Gang einlegen, Zündung aus (Schlüssel nur bei Bedarf abziehen und zentral aufbewahren, zum Beispiel auf der Frontscheibe, oder Start-Stopp-Knopf). Achtung: Das kann Komfortfunktionen auslösen (Sitz, Lenkrad bewegen sich).
  • Unterbauen: mit Druckschläuchen oder Schlauchbrücken (TSF) an mindestens drei Punkten des Schwellers auf Höhe der Säulen, zum Beispiel A- und C-Säule auf der Fahrerseite und B-Säule auf der Beifahrerseite. Das Fahrzeug muss dazu meist nicht angehoben werden. Der Unterbau leitet die Gerätekräfte in den Boden ab (Widerlager) und wird regelmäßig geprüft.
  • Lageabhängig zusätzlich mit Feuerwehrleine oder Abschleppseil sichern.
  • Einfache Mittel sind nicht bestimmungsgemäß verwendet: hinterher Prüfung durch den Gerätewart, ggf. aussondern.

Erstzugang schaffen

Nur im seltenen Fall, dass keine Tür (auch nicht Heck- oder Kofferraumklappe) aufgeht und keine Scheibe zerbrochen ist. Mit Axt, Hebel-/Brechwerkzeug, Spalthammer oder Schachthaken:

  • Scheibe mit möglichst großem Abstand zum Patienten wählen, das Zerstören dem Patienten ankündigen.
  • Mit der spitzen Seite in einer Ecke ansetzen. Splitter des Einscheibensicherheitsglases (ESG) nach außen drücken. Kanten abdecken (zum Beispiel Fußmatte).
  • Alternativ eine Tür oder die Heckklappe aufbrechen.

Innerer Retter

Wer: geeignete Einsatzkraft, auch psychisch und nach Tagesform. PSA: mindestens Gesichtsschutz zum Helm (Klappvisier) gegen Splitter, Infektionsschutzhandschuhe (alle mit Patientenkontakt). Ausrüstung: Verbandkasten (DIN 14142) oder Notfallrucksack.
Er kann schon nach dem Sichern gegen Wegrollen einsteigen, das Unterbauen muss er nicht abwarten.

  • Alles ankündigen, was er tut.
  • Erstbeurteilung: kritische Blutung? Sofort stoppen (abdrücken, Druckverband, Tourniquet falls vorhanden). Ansprechbar? Atmung? Aussehen? Bewusstlos oder leblos: Sofortrettung, Meldung an den Einheitsführer, Rettungsmodus entscheiden.
  • Patient ruhig und aufrecht sitzen, Blick nach vorn. Betreuen, beruhigen, befragen (Einklemmung, Schmerzen, weitere Insassen). Wärme erhalten (Rettungsdecke, Sitzheizung, Warmluft).
  • Falls noch nicht geschehen: Feststellbremse, P/Gang, Zündung aus, Warnblinkanlage, Gurt ablegen oder durchtrennen.
  • Einklemmungen erkunden (erst lösen, wenn eine Rettungsöffnung da ist), einfach beseitigen (Lenkrad oder Sitz verstellen, nur nach Rücksprache mit dem Rettungsdienst).
  • Glasmanagement unterstützen: Seitenscheiben möglichst absenken, dann zerstören. Patientenschutz einsetzen. Airbags im Innenraum erkunden.

FwDV 3: Eine zu rettende Person soll bis zur Übergabe nicht ohne Betreuung sein, die Erstversorgung hat oberste Priorität.

Arbeitsbereich, Betriebsstoffe, Batterie

  • Arbeitsbereich vorbereiten: Splitter und Trümmer mit dem Stoßbesen beiseite oder unter das Fahrzeug kehren, Freiraum für Unterbau und Geräte schaffen (auch zum Schutz der Hydraulikleitungen).
  • Auslaufende Betriebsstoffe: kleine Mengen vernachlässigen, große Mengen zeitnah auffangen. Behelf: Folienbeutel oder Rettungsdecke in einem Wall aus Erde oder einem Schlauchring („Teich“).
  • Batteriemanagement: siehe Seite „Fahrzeugtechnik, Airbags und Rettungsdatenblatt“. Nicht vor Abschluss der Menschenrettung abklemmen.

Siehe auch