Verkehrsunfall Pkw: Technische Rettung und Zusammenarbeit

Technische Hilfeleistung

Das Wichtigste in Kürze

  • Das nachrückende Fahrzeug (zum Beispiel HLF) meldet sich beim ersten Einheitsführer, ergänzt ABS und übernimmt den Abschnitt Technische Rettung. Der Innere Retter wird ihm unterstellt.
  • Glasmanagement: Einscheibensicherheitsglas (ESG) vor dem Geräteeinsatz kontrolliert entfernen, Verbundsicherheitsglas (VSG) nur bei Bedarf durchtrennen (Staub, FFP2).
  • Hydraulik: Spreizer, Schneidgerät, Rettungszylinder. Nur der Geräteführer steuert, keine gehärteten Teile schneiden, immer Fahrzeug unterbauen.
  • Rettungsöffnung gemeinsam mit dem Rettungsdienst entscheiden: Tür entfernen, große Seitenöffnung, Dach hochdrücken. Einklemmung beseitigen: Vorderwagen drücken, Pedal ziehen.
  • Patient achsengerecht mit dem Rettungsbrett retten. Verfahren legt der Rettungsdienst fest.
Hinweis
Die Geräte- und Fahrzeugbeispiele (TSF, HLF 10) stehen für die Norm, Brandenburger Einsatzstichworte und Ausrückeordnungen findest du auf der Seite „H:VU Klemm“. Weisungen deines Trägers gehen vor.
Arbeitsdruck
hydraulische Rettungsgeräte arbeiten oft mit etwa 600 bis 700 bar, das Erreichen des vollen Drucks kann bis zu 10 Sekunden dauern

Vom Patienten aus denken

Zusammenarbeit mit dem Rettungsdienst

Grundsätze: Respekt und Verständnis für die Aufgaben der anderen, ständiger Austausch, Sicherheit zuerst. Dem Rettungsdienst (RTW, Notarzt, Einsatzleiter Rettungsdienst) nach Eintreffen Zahl der Verletzten und Eingeklemmten und deren Zustand melden.
Dann klären: Sofort- oder schnelle Rettung, bei schneller Rettung eine klare Zeitabsprache in Minuten, gemeinsame Beurteilung der Rettungsöffnung und Entschluss.

Rettungsöffnung und Einklemmung

Gemeinsam mit dem Rettungsdienst wird beurteilt, welche Option in der Zeit möglich ist, dann entschlossen und als Befehl an die Mannschaft gegeben. Zuerst ist zu klären, ob Sofort- oder schnelle Rettung gilt, bei schneller Rettung gibt der Rettungsdienst eine Zeitvorgabe in Minuten. Beispiele für Rettungsöffnungen:

  • Tür entfernen
  • Große Seitenöffnung (dritte Tür)
  • Dach hochdrücken (oder Dach entfernen)

Beispiele für das Beseitigen der Einklemmung:

  • Vorderwagen drücken
  • Pedal ziehen

Die Schritt-für-Schritt-Abläufe übt man mit dem Ausbilder, sie hängen vom Fahrzeug und vom Gerät ab.

Patient retten

Das Rettungsbrett ist eine flache Trage mit Griffmulden (Holz oder Kunststoff, oft schwimmfähig). Die genaue Vorgehensweise bestimmt der Rettungsdienst:

  • Offene Tür: Brett seitlich unter das Gesäß, Patient achsengerecht auf das Brett ziehen, das Becken mitführen.
  • Große Seitenöffnung: Rückenlehne weit zurück, Brett von der Seite hinter den Patienten (Kopf nach Fuß), achsengerecht ziehen.
  • Dach entfernt oder hochgedrückt: Rückenlehne weit zurück, Brett hinter den Patienten, achsengerecht ziehen.

Zugang schaffen

Glasmanagement

Ziel: Verletzungen durch unkontrolliert splitterndes Glas vermeiden, nur so umfangreich wie nötig. Ausrüstung im Verkehrsunfallkasten (DIN 14800-13): Federkörner, Glastrenngerät, Säbelsäge, transparente Folie, dazu Hebel-/Brechwerkzeug mit Querschneide und Stoßbesen.

  • Einscheibensicherheitsglas (ESG): meist Seiten- und Heckscheiben, Schiebedächer. Kann bei Krafteinwirkung schlagartig zerspringen. Im Arbeitsbereich der Geräte vor dem Einsatz entfernen oder kontrolliert zerstören, möglichst vorher absenken. Abkleben kann im Einzelfall sinnvoll sein (Patient direkt an der Scheibe).
  • Verbundsicherheitsglas (VSG) und Polycarbonat: oft Frontscheibe, teils Seiten- und Heckscheiben. Zerspringt nicht schlagartig (Folie). Nur bei taktischer Notwendigkeit oder für Rettungsöffnungen (zum Beispiel Dachentfernung) durchtrennen. Möglichst wenige Schnitte, das mindert Glasstaub.
  • Schutz: Schutzbrille und Gesichtsschutz zum Helm. Bei VSG zusätzlich Halbmaske mindestens FFP2 und Gehörschutz. Kanten abdecken, Splitter unter das Fahrzeug kehren, Patientenschutz.

Gerät richtig einsetzen

Hydraulik: Aufbau und Wirkprinzip

  • Spreizer: spreizen, ziehen, quetschen, heben (Türen aufspreizen, Dach hochdrücken).
  • Schneidgerät: trennt Metall (Säulen, Dachholme).
  • Rettungszylinder: drücken, ggf. ziehen (Vorderwagen abklappen, Lenksäule und Dach wegdrücken, Abstützen).
  • Zubehör: Schwelleraufsätze, Zugketten (an den Spreizerarmen befestigen, Zug beim Schließen, sicher anschlagen).
  • System: Gerät plus Hydraulikpumpe (bei schlauchgebundenen) oder Akku mit integrierter Pumpe.
  • Prinzip: Hydrauliköl lässt sich nicht zusammendrücken, Kraft = Druck × Fläche. Der Druck ist im System überall gleich, auf der Kolbenfläche entsteht eine vielfach größere Kraft.
  • Totmannschaltung: Das Stellteil muss beim Loslassen selbsttätig in Nullstellung gehen.
  • Einige Geräte sind unter Wasser einsetzbar (Herstellerangaben).

Einsatzgrundsätze

Allgemein:

  • Schutzbrille, Gesichtsschutz zum Helm, ggf. Gehörschutz, Infektionsschutzhandschuhe.
  • Fahrzeug gegen Wegrollen sichern und unterbauen, ESG vorher entfernen, Patienten- und Kantenschutz.
  • Nur der Geräteführer steuert das Gerät. Er steht so, dass er nicht eingeengt oder eingeklemmt wird (in der Regel nicht zwischen Gerät und Last), hält das Gerät ergonomisch.
  • Pumpenaggregat so abstellen, dass die Schläuche Bewegungsfreiheit haben. Nicht auf Hydraulikschläuche treten.
  • Maximale Öffnungsweite und maximalen Arbeitsdruck nutzen. Innenverkleidung bei Bedarf abnehmen.
  • Der Einheitsführer markiert die Ansatzpunkte fürs Schneidgerät am Fahrzeug.
  • Defekte Geräte (undicht, Totmannschaltung ohne Funktion) sofort außer Betrieb. Nach Einsatz nicht „auf Anschlag“ fahren und so verlasten.

Spreizer: Abrutschen ausschließen, beim Ansetzen unnötige Stöße vermeiden (übertragen sich auf den Patienten), Ansatzstellen vorbereiten (Türfalz mit Brechstange).
Schneidgerät: keine gehärteten Teile (Lenksäule, Achsen, Maschinenteile, Scharniere), Schneidgut nahe am Drehpunkt der Messer, rechtwinklig zu den Messern, ggf. überdreht ansetzen.
Rettungszylinder: keine Querbelastung und keine Beschädigung der Kolbenstange, Unterbau am Schweller zum Ableiten der Kraft.
Prüfung: nach jeder Benutzung Sichtprüfung, Schäden dem Einheitsführer melden.

Weitere Geräte

Brechstange, multifunktionales Hebel- und Brechwerkzeug und Axt heben oder zerstören Bauteile (Heckdeckel, Motorhaube, Scheiben) und bereiten den Geräteeinsatz vor. Bolzenschneider trennt kleine Teile (Türfangband, Kabelstränge). Säbelsäge und Trennschleifer trennen Säulen und Dächer, die Säbelsäge öffnet auch VSG oder Polycarbonat.

Am Fahrzeug vorbereiten

Nachrückendes Fahrzeug und Absprache

Der Einheitsführer des nachrückenden Fahrzeugs meldet sich beim ersteintreffenden Einheitsführer und klärt: Ordnung des Raumes und Fahrzeugaufstellung, vorgefundene Lage, Personen (Zahl, Einklemmungen), besondere Gefahren (Ladung, Gefahrgut), Verkehr, Schwerpunkte und Prioritäten.
Dann wird ergänzt, was fehlt: Verkehrsabsicherung (weitere Leitkegel), Brandschutz auf zweifach (zum Beispiel Schnellangriff), Stabilisieren (Unterbaumaterial, Formhölzer).
Der Einheitsführer des Rettungssatzes übernimmt den Abschnitt „Technische Rettung“, bekommt das Rettungsdatenblatt und der Innere Retter ist ihm unterstellt. Der erste Einheitsführer führt, wenn örtlich zuständig, die Einsatzleitung Feuerwehr.

Geräte griffbereit ablegen

Alle möglicherweise nötigen Geräte liegen auf der Bereitstellungsplane:

  • Hydraulisches Rettungsgerät (Schneidgerät, Spreizer)
  • Schnellangriff und Feuerlöscher
  • Unterbaumaterial, Formholz, Unterlegkeile
  • Verkehrsunfallkasten
  • Verbandkasten oder Notfallrucksack
  • Ausrüstung Glasmanagement, Patientenschutz
  • Schwelleraufsatz, Rettungsbrett oder Trage
  • multifunktionales Hebel- und Brechwerkzeug oder Brechstange
  • Säbelsäge, Bolzenschneider
  • Wärmebildkamera, Feuerwehr-Werkzeugkasten

Brandschutz, Stabilisieren, Betriebsstoffe (nachrückend)

  • Brandschutz: Der Schnellangriff ergänzt den Pulverlöscher auf zweifach. Bei erhöhter Gefahr oder ABC zusätzlich CO₂-Löscher oder Schaumangriff. Er liegt auf Höhe der Geräteablage.
  • Stabilisieren: Die einfachen Mittel können ersetzt oder ergänzt werden (Unterlegkeile, Unterbaumaterial aus Kunststoff oder Holz, Feuerwehrleinen, Rundschlinge, Aluminiumkeil, Formhölzer, Abschleppseil).
  • Auslaufende Betriebsstoffe: Mulde, Ölbindemittel, Stoßbesen, Absaugvorrichtung für Kraftstoff. Mindestens zweifacher Brandschutz bleibt. Bei Verunreinigung des Bodens weitere Behörden (zum Beispiel Wasserbehörde, Straßenbaulastträger) einbinden.

Andere Stellen an der Einsatzstelle

Polizei, THW, Abschleppdienst, Straßenbau, PSNV

  • Polizei: Verkehrsmaßnahmen (Absicherung, Lenkung), Absperrung, Unfallaufnahme, Presse. Sofortmaßnahmen brauchen keine Rücksprache. Wenn möglich spurenschonend arbeiten. Abschleppunternehmen ruft in der Regel die Polizei oder der Unfallbeteiligte.
  • THW: erster Ansprechpartner ist der Fachberater THW, er berät den Einsatzleiter. Bei besonderen Lagen (Tiefbau, komplexe Hilfeleistung, Großbrand) unterstützt das THW nach Weisung der Einsatzleitung.
  • Abschleppunternehmen: bergen und transportieren. Eine Übergabe mit Protokoll ist sinnvoll, aber nicht Pflicht (zum Beispiel Temperaturmessprotokoll bei Lithium-Ionen-Akkus).
  • Straßenbaulastträger: nach Ende aller Maßnahmen die Einsatzstelle zügig und sicher übergeben, rechtzeitig über Leitstelle oder Polizei anfordern (Bereitschaftsdienst, Vorlaufzeit).
  • PSNV (psychosoziale Notfallversorgung): für Einsatzkräfte und Betroffene (Zeugen, Ersthelfer, Angehörige), über die Leitstelle anfordern.

Siehe auch