Das Wichtigste in Kürze
- Brennt die Gondel, kann die Feuerwehr nicht löschen. Die Drehleiter erreicht die Höhe nicht, der Aufstieg dauert bis zu 60 Minuten und ist lebensgefährlich. Die Anlage brennt kontrolliert ab, die Feuerwehr sichert das Umfeld.
- Gefahrenbereich mindestens 500 m, bei deutlichem Wind in Windrichtung doppelt. Das gilt auch bei Teilebruch, Turmeinsturz, Eisfall und Eiswurf.
- Stillstehender Rotor heißt nicht spannungsfrei. Die Anlage über den Betreiber oder Netzbetreiber abschalten lassen, Betreiber immer verständigen.
- Brand am Turmfuß: Türen nur mit Einverständnis des Betreibers öffnen, Schaum nur in spannungsfreien Anlagen, Löschgas (CO₂) ist unter Spannung unbedenklich.
- Rettung aus der Anlage: bis 30 m mit Gerätesatz Absturzsicherung und Auf- und Abseilgerät, darüber nur Höhenretter. Steigschutz und Befahreinrichtung nur durch eingewiesene Kräfte.
- Gefahrenbereich
- mindestens 500 m, in Windrichtung doppelt, Trümmerschatten beachten
- Aufstieg zur Gondel
- je nach Höhe bis zu 60 Minuten, über 30 m Höhe nur mit Höhenrettungsausbildung
- Spannung
- Generator über Umrichter und Transformator auf 10 bis 30 kV, Zwischenkreis bei Synchrongeneratoren 600 bis 700 V
- Kennzeichnung
- eindeutige Ziffern-/Buchstabenkombination am Turmfuß in 1,5 bis 2,5 m Höhe
- Hinweis
- Die Broschüre der LSTE „Gefahrenabwehr an Anlagen zur Gewinnung erneuerbarer Energien“ ist die 1. Auflage von 2012. Technik, Anlagengrößen und Vorgaben haben sich seitdem weiterentwickelt. Herstellerangaben, Feuerwehrplan und Weisungen deines Trägers gehen vor.
Grundwissen
Aufbau einer Windenergieanlage (WEA)
- Fundament, Turm (Stahlrohr, Beton, Gittermast oder Kombinationen) und Gondel (Maschinenhaus) mit Generator, gegebenenfalls Getriebe, Bremse, Rotornabe und Rotorblättern.
- Steuerung: Die Windrichtungsnachführung dreht die Gondel in den Wind, die Blattverstellung (Pitch) regelt die Drehzahl. Bei zu viel Wind oder zu wenig Drehzahl bremst die Anlage selbsttätig.
- Strom: Der Generator liefert Strom, ein Umrichter macht daraus 50 Hertz, ein Transformator hebt auf 10 bis 30 kV. Der Transformator steht in der Gondel, im Turmfuß oder separat in einem Häuschen oder Container.
- Ferndiagnose: Moderne Anlagen melden Zustände und Störungen an eine Zentrale des Betreibers.
- Zugang: Leiter mit Steigschutz, bei großen Anlagen Aufzug oder kraftbetriebene Befahreinrichtung. Der Weg ist je nach Typ von innen oder außen begehbar.
Wo es gefährlich wird
- Gondel: Generator, Getriebe, Bremsen, Schaltschränke, Umrichter und Transformator sind ein hohes Brandrisiko. Häufige Ursachen sind Lagerschäden, heiß laufende Bremsen, elektrische Defekte und Blitzschlag.
- Brennbares Material: Kabel, Kunststoffe, Hydraulik- und Getriebeöl, Kühlflüssigkeit mit Alkohol.
- Hohe Energie: Die Rotorblätter können bei Schäden Teile weit wegschleudern (als Rekord wurden 460 m genannt).
Einsatzvorbereitung
Was die Wehr vorab klären sollte
- Anfahrtswege und Zugänge: Welche Anlage ist betroffen und wie kommt man hin? Das ist oft das erste Problem. Ortskenntnis der Wehr nutzt auch der Leitstelle.
- Kennzeichnung: Jede Anlage trägt am Turmfuß eine eindeutige Nummer in 1,5 bis 2,5 m Höhe. Sie wird der Leitstelle durchgegeben.
- WEA-NIS: Das Notfall-Informationssystem hält Lagepläne und Einsatzinformationen bereit. Die Leitstelle ruft sie passwortgeschützt ab (Stand der Broschüre: rund 7.000 Anlagen erfasst).
- Feuerwehrplan nach DIN 14095 schon in der Bauplanung anregen, Begehungen und Übungen mit dem Betreiber.
- Meldewege: Einsatzstelle → Leitstelle → Betreiber prüfen und üben. Löschwasser und Absperrpersonal abschätzen.
Einsatzszenarien
Brand der Anlage
Die Lage: Brennt es in der Gondel oder am Rotor, kann die Feuerwehr den Brand mit den heutigen Mitteln nicht bekämpfen. Hubrettungsfahrzeuge erreichen die Höhe nicht, ein Innenangriff über den Turm scheitert an abtropfendem brennendem Material, langer Aufstiegszeit (bis 60 Minuten), extremer körperlicher Belastung und der nötigen Höhenrettungsausbildung ab 30 m.
Was die Feuerwehr tut:
- Umfeld verteidigen, das Abbrennen hinnehmen.
- Gefahrenbereich mindestens 500 m, bei Wind in Windrichtung doppelt. Es fallen brennende Teile, außerdem ist der Einsturz oder das Umfallen des Turms möglich. Trümmerschatten beachten.
- Atemgifte: Kunststoffe, Öle und Fette setzen im Brand große Mengen Atemgifte frei. Nahe Siedlungen warnen.
- Betreiber und Netzbetreiber verständigen, die Anlage spannungsfrei schalten lassen.
- Oberhalb des Turmfußes die Anlage nicht betreten.
Brand im Turmfuß und Löschen unter Spannung
- Türen am Turmfuß sind oft mit Vorhängeschloss oder Zylinderschloss gesichert. Nur im Einvernehmen mit dem Betreiber öffnen.
- Unter Spannung stehende Anlagenteile in abgeschlossenen Räumen dürfen nach DIN VDE 0132 nur im Einvernehmen mit dem Anlagenverantwortlichen mit Wasser angespritzt werden. Sicherheitsabstände einhalten (siehe Seite „Elektrizität“).
- Schaum nur in spannungsfreien Anlagen. Kohlenstoffdioxid (CO₂) ist in Anlagen unter Spannung unbedenklich.
- Ersticken: Lüftungsöffnungen und Tür am Turmfuß abdichten (zum Beispiel mit Folie und Klebeband) nimmt dem Feuer den Sauerstoff.
- Not-Stopp-Schalter gibt es an Schaltschrank im Turmfuß (Vorder- und Rückseite), am Einstieg zur Gondel, am Getriebe und am Schaltschrank in der Gondel. Sie lösen eine Notbremsung aus, trennen den Generator vom Netz und schalten den Hauptschalter aus. Vorher erkunden.
- Wichtig: Ein stillstehender Rotor bedeutet nicht, dass die Anlage spannungsfrei ist. Komponenten haben auch im Stand-by Eigenbedarf.
- PCB: In älteren Betriebsmitteln kann PCB enthalten sein (Hinweise vom Betreiber oder Warnschilder). Im Brand entstehen giftige Zersetzungsprodukte. Kühlen kann das verhindern. Beteiligtes PCB: Brandstelle sperren und sichern, Schutzkleidung und Geräte sammeln, nach Kontaminationsprüfung weiter vorgehen.
Brand im Umfeld der Anlage
- Das Umfeld ist oft Wald, Heide oder Feld. Der Brand wird wie ein Vegetationsbrand bekämpft (siehe Seite „Vegetationsbrand: Überblick und Lernweg“).
- Außenliegende Transformatoren und elektrische Anlagen: nicht direkt anspritzen, Abstand halten (DIN VDE 0132), Betreiber verständigen und Abschalten abstimmen.
- Ausbreitung auf Anlage und Trafogebäude verhindern.
Technische Unfälle und Teilebruch
- Ursachen: Materialfehler, Ermüdung, Konstruktionsfehler, Defekte oder zu starker Wind.
- Gefahren: umherfliegende Rotorteile, abstürzende Gondel oder Rotorkopf, Einsturz oder Umknicken des Turms.
- Erkunden: Dreht der Rotor zu schnell? Lösen sich Teile? Wankt der Turm oder ist das Fundament beschädigt? Ist der Betreiber informiert, die Anlage stillgesetzt und spannungsfrei?
- Maßnahmen: mindestens 500 m (in Windrichtung doppelt) absperren, nicht betreten, auch Trümmerschatten angrenzender Bauten. Ein- oder umgestürzte Anlagen können noch unter Spannung stehen.
Eisfall und Eiswurf
- Entstehung: bei kalter und feuchter Witterung, häufiger mit zunehmender Höhe.
- Eiswurf: Die Anlage läuft, Eisstücke werden weggeschleudert. Eisfall: Die Anlage steht, Eis fällt herab. Die Weite hängt von Windgeschwindigkeit, Rotordurchmesser und Nabenhöhe ab.
- Betreiber wählen verschiedene Strategien: weiterlaufen, Enteisungssystem nutzen oder stoppen. Warnschilder an Anlagen sind nicht genormt und sehr unterschiedlich.
- Sicherheitsabstand: Für beide Fälle gilt mindestens 500 m, bei markantem Wind doppelt.
- Erkunden: Dreht sich der Rotor? Sind Personen (auch zeitweise) im Gefahrenbereich? Maßnahmen mit dem Betreiber abstimmen.
Menschenrettung aus der Anlage
- Wartungspersonal arbeitet mindestens zu zweit und ist selbst im Abseilen ausgebildet. Die Feuerwehr wird gerufen, wenn Verletzte, komplexe Lage oder fehlende Rettungsmittel eine Rettung unmöglich machen.
- Bis 30 m Höhe (oder Tiefe) können Feuerwehren mit Gerätesatz Absturzsicherung (DIN 14800-17) und Auf- und Abseilgerät (DIN 14800-16) arbeiten, ohne aufwändige Transportvarianten. Darüber (zusammenhängende Strecken über 30 m, komplexer Transport) sind ausgebildete Höhenretter nötig (siehe Seite „H:Rettung aus Höhen und Tiefen“).
- Aufstieg: Steigschutz-Zubehör und Aufzug funktionieren nicht immer für den Rettungseinsatz. Der Aufstieg kann je nach Höhe bis zu 60 Minuten dauern. Vorher klären, wer ausgebildet ist, die Anlage begehen und üben.
- Erkunden: Wie viele Personen, aus welcher Höhe, welche Verletzungen, welcher Zugang? Ist die Anlage abgeschaltet (angebremst und spannungsfrei)?
- Regeln: Keine Selbstüberschätzung. Steigschutz- und Befahreinrichtungen nur eingewiesene Personen. Drehende Teile sind ein hohes Verletzungsrisiko. Sicherheitsabstände zu spannungsführenden Teilen. Bei Bedarf Rettungsdienst in der jeweiligen Höhe.
Typische Fehler
Was bei Windenergieanlagen schiefgeht
- Zu nah dran: Gefahrenbereich kleiner als 500 m oder Windrichtung nicht berücksichtigt.
- Anlage für spannungsfrei gehalten, weil der Rotor steht.
- Aufstieg zur brennenden Gondel versucht.
- Tür am Turmfuß ohne Rücksprache geöffnet.
- Schaum in einer Anlage unter Spannung.
- Betreiber zu spät verständigt.
- Anlage nicht eindeutig identifiziert (Nummer am Turmfuß).
Weiterführend
Die Landesschule stellt die vollständige Broschüre mit Abbildungen bereit: Fachinformation „Erneuerbare Energien“ der Landesschule (LSTE) in Eisenhüttenstadt.