Das Wichtigste in Kürze
- Die FwDV 100 beschreibt das Führungssystem: Führungsorganisation (Aufbau), Führungsvorgang (Ablauf) und Führungsmittel (Ausstattung).
- Der Führungsvorgang besteht aus Lagefeststellung, Planung (Beurteilung und Entschluss) und Befehlsgebung. Er läuft immer wieder von vorn, mit erneuter Lagefeststellung als Kontrolle.
- Ziel: die richtigen Mittel zur richtigen Zeit am richtigen Ort einsetzen.
- Retten, In-Sicherheit-Bringen und Schützen von Menschen steht an erster Stelle. Sachwerte und Umwelt sind nachrangig.
- Auftragstaktik: Der Befehl nennt das Ziel, der Weg bleibt den Einsatzkräften überlassen.
- Titel
- Führung und Leitung im Einsatz – Führungssystem
- Stand
- 10. März 1999
- Aufbau
- Kapitel 1 Allgemeines, 2 Führung und Leitung, 3 Führungssystem (Organisation, Vorgang, Mittel), Anlagen
- Wichtig für
- Gruppenführer, Zugführer, Einsatzleiter, Führungsassistenten
- Hinweis
- Die Vorschrift ist älter als viele andere. Länder und Leitstellen haben teils eigene Ergänzungen oder neuere Führungsrichtlinien.
Führen und Leiten
Begriffe
Führung ist die Einflussnahme auf Entscheidungen und Verhalten anderer, um vorgegebene Ziele zu verwirklichen. Leitung im Einsatz ist das gesamtverantwortliche Handeln für eine Einsatzstelle und die dort eingesetzten Kräfte.
Führungsverhalten
Die Vorschrift beschreibt zwei Führungsstile: autoritär (schnelle Entscheidung, Unterordnung, enge Kontrolle) und kooperativ (Beratung, Delegation, Information, Beteiligung). Keiner passt allein. Die Führungskraft soll überwiegend kooperativ führen, in akuten Gefahrensituationen aber schnell entscheiden und knapp befehlen.
Auftragstaktik
Der Auftrag kann sich auf das Ziel beschränken und lässt verschiedene Wege offen. Das gibt Handlungsfreiheit und erlaubt schnelle Reaktion auf neue Erkenntnisse. Entscheidend ist das Erreichen des Ziels. Dafür müssen die Einsatzkräfte ihrer Informationspflicht nachkommen.
Führungsorganisation
Einsatzleitung
Sie besteht aus der Einsatzleiterin oder dem Einsatzleiter, unterstützt durch eine rückwärtige Führungseinrichtung (zum Beispiel die Leitstelle), gegebenenfalls Führungsassistenten und Führungshilfspersonal. Wer Einsatzleiter ist, bestimmt das Landesrecht. Die Einsatzleitung hat die Verantwortung für die Durchführung und koordiniert alle beteiligten Stellen. Sie kann kraft Gesetz Befugnisse gegenüber Dritten haben (Personen heranziehen, Grundstücke betreten, absperren, Anlagen befristet stilllegen).
Führungsebenen
Alle Führungskräfte mit vergleichbarem Verantwortungsbereich bilden eine Ebene. Einer Ebene sollen nicht mehr als drei Trupps, zwei Gruppen oder drei bis fünf Züge beziehungsweise Verbände zugeordnet werden. Führungsebenen werden nicht übersprungen. Wenn es eilt, wird die übersprungene Stelle sofort nachinformiert.
Führungsstufen A bis D
- A – Führen ohne Führungseinheit: Einheiten bis zwei Gruppen, Führungseinrichtungen wie die Leitstelle.
- B – mit örtlichen Führungseinheiten: Zug oder Verband, Führungstrupp oder Führungsstaffel.
- C – mit einer Führungsgruppe: Verband an einer Einsatzstelle.
- D – mit Führungsgruppe oder Führungsstab: mehrere Verbände oder Einsatzstellen, Stab des Landkreises oder der kreisfreien Stadt.
Der Führungsvorgang
Lagefeststellung
Erkundung und Kontrolle: Informationen sammeln (eigene Wahrnehmung, Meldungen, Unterlagen). Der Vorgang beginnt immer wieder von vorn: Nur durch wiederholte Lagefeststellung wird kontrolliert, ob Befehle richtig umgesetzt wurden.
Planung: Beurteilung und Entschluss
Die Lage wird beurteilt, daraus folgt der Entschluss. Oft müssen Entschlüsse gefasst und Befehle erteilt werden, bevor die Erkundung abgeschlossen ist. Danach folgt gleich die nähere Erkundung.
Befehlsgebung
Befehlsschema: Einheit, Auftrag, Mittel, Ziel, Weg. Mindestens enthalten sind Einheit und Auftrag. Für längere Einsätze wird das Schema erweitert: Lage, Auftrag, Durchführung, Versorgung, Führung und Kommunikationswesen.
- Befehlsarten: Einzelbefehl (für einzelne Führungskräfte), Gesamtbefehl (gleichzeitig an alle), Vorbefehl (zur Vorbereitung), Kommando (festgelegter Wortlaut, löst eingeübtes Handeln aus, zum Beispiel „Zum Einsatz – fertig!“).
- Grundsätze: kurz, klar, ruhig und sachlich. Der Auftrag ist das Kernstück. Je länger ein Befehl gelten soll, desto mehr Selbstständigkeit gewährt er. Falsch ist es, Einzelheiten zu befehlen, die der Nachgeordnete vor Ort besser überblickt.
- Abweichen vom Befehl: nur, wenn sich die Lage grundlegend geändert hat und schnelles Handeln nötig ist. Sofort Rückmeldung geben.
- Nachgeordnete müssen nachfragen, wenn die Absicht unklar ist, und darauf hinweisen, wenn der Befehl nicht zur Lage passt.
- Schriftlich befohlen wird bei unübersichtlichen Lagen und größeren Einsätzen. Wichtige mündliche Befehle werden dokumentiert.
Wechsel der Einsatzleitung
Übernahme und Übergabe werden klar formuliert, bekanntgegeben und dokumentiert, nach einer umfassenden Lageeinweisung. Beispiel: „Ich übernehme die Einsatzleitung.“ – „Habe Einsatzleitung an … übergeben.“
Prioritäten und Führungsmittel
Einsatzziele
Das Retten, In-Sicherheit-Bringen und Schützen von Menschen steht bei allen Entscheidungen im Vordergrund. Oft ist die Rettung nur möglich, wenn vorher Gefahren beseitigt oder eingegrenzt werden. Schützen und Bergen von Sachwerten sowie Umweltschutz sind im Vergleich dazu nachrangig.
Führungsmittel
Kapitel 3.4 behandelt Mittel zur Informationsgewinnung, Informationsverarbeitung und Informationsübertragung sowie den Kommunikationseinsatz. Dokumentation und Lagedarstellung (Kapitel 3.3.5) halten fest, was geschehen ist und wie die Lage aussieht.
Sonderlage: Leitstelle und Befehlsstelle
Bei Unwettern, Waldbränden, großen MANV-Lagen oder Pandemien reicht der normale Ablauf der Leitstelle nicht mehr aus. Die DFV-Empfehlung zur Schnittstelle von Leitstelle und Befehlsstelle (2024) ergänzt die FwDV 100 und teilt die Rollen auf.
Was ist eine Sonderlage? Eine Lage, bei der die Aufgaben des Regelbetriebs wegen vieler Hilfeersuchen, eines großen Einzelereignisses (Flugzeugabsturz, Tanklagerbrand, MANV) oder wegen Ausfalls technischer Einrichtungen nicht mehr in angemessener Zeit zu bewältigen sind. Die Alarmierung nach der normalen Alarm- und Ausrückeordnung (AAO) ist dann nicht mehr möglich. Sonderlagen entstehen oft plötzlich, können aber auch geplante Ereignisse sein. Sie liegen meist unterhalb der Katastrophenschwelle.
Zwei Organisationsformen
- Allgemeine Führungsorganisation (AFO): der Regelbetrieb. Die Leitstelle ist die zentrale Stelle, sie unterstützt die Einsatzkräfte und dokumentiert.
- Besondere Führungsorganisation (BFO): für Sonderlagen unterhalb der Katastrophenschwelle, in zwei Stufen. Die Entscheidungen verlagern sich dabei von der Leitstelle Schritt für Schritt auf die Befehlsstellen.
Stufe 1: Ein oder mehrere Einsatzleitplätze der Leitstelle werden aus dem Regelbetrieb herausgelöst und betreuen die Sonderlage. Beispiele: kleinere MANV-Lagen, Bombendrohung, Kampfmittelfund, regionale Großveranstaltung. Eine Führungsgruppe unter dem Lagedienst kann in der Leitstelle entstehen, sie hält Kontakt zu den Befehlsstellen und kann dort als rückwärtige Führung vorläufig die Rolle der Befehlsstelle übernehmen.
Stufe 2: Wenn die Leitstelle auch mit Stufe 1 nicht mehr alles schafft, weil einzelne Plätze das Geschehen nicht mehr bündeln können. Beispiele: große MANV-Lagen, weitreichende Unwetter, Großschadenslagen, Epidemien. Dann wird in der Regel mindestens eine Befehlsstelle nach FwDV 100 eingerichtet.
Befehlsstelle
- Sie ist der Sitz der Einsatzleitung, ortsfest oder beweglich. Sie unterstützt den Einsatzleiter und dient dem Führungstrupp, der Führungsgruppe oder dem Stab als Arbeitsraum. Auf Kreisebene gibt man einer ortsfesten Befehlsstelle den Vorrang.
- Bei größeren Lagen kann sie Sitz der Abschnittsleitung werden. Nachgeordnete Befehlsstellen sind für Einsatzabschnitte möglich.
- Sie wird als nachgeordnete Führungsstelle in den Dispositionsablauf der Leitstelle eingebunden und koordiniert und dokumentiert die Feuerwehreinsätze in ihrem Bereich selbst.
- Empfohlen wird eine Vorplanung auf Kreis- und darunter liegenden Ebenen: feste Kräfte, Schlüsselszenarien wie Starkregen und Sturm, eine Mindestbesetzung und eine einsatzbereite IuK-Einheit (Informations- und Kommunikationstechnik).
Beobachtungsstatus und Wirkbetrieb
- Beobachtungsstatus: Bei absehbaren Lagen (etwa nach einer Unwetterwarnung) beobachtet die Befehlsstelle die Lage, prüft alle Kommunikationswege und informiert und sensibilisiert die Verantwortlichen in den Kommunen. So kommt man „vor die Lage“. Auf Alarmierung und AAO hat das keinen Einfluss: Die Leitstelle alarmiert wie gewohnt.
- Wirkbetrieb: Nach gemeinsamer Lagebeurteilung von Leitstelle und Befehlsstelle geht diese in den aktiven Betrieb. Dann ist die AAO für ihren Bereich außer Kraft und für die Leitstelle nicht mehr bindend. Über den Kräfteansatz bei Feuerwehreinsätzen entscheidet die Befehlsstelle. Die Einsatzdelegation geschieht dort.
- Die Leitstelle hat nicht zwingend ein vollständiges Lagebild vor Ort. Sie kennt Status und Position der Kräfte und kann diese Daten den Einsatzleitungen bereitstellen.
Gemeinsamer Informationsraum
Gebraucht wird ein gemeinsamer Informationsraum: Erkundungs-, Führungs- und Wirksysteme sind vernetzt. Jede Ebene sieht das, was sie für ihre Rolle braucht. Wichtig sind Lagedaten, Geoinformationen, Fotos und die Kommunikation ohne Medienbruch zwischen allen Führungsebenen. Dabei dürfen keine neuen dauerhaften Ebenen entstehen und die Aufgaben der Kommunen nicht angetastet werden.
Technische Einsatzleitung und Führungsstufen in Brandenburg
- Technische Einsatzleitung (TEL): Die Bezeichnung geht auf Punkt 3 des Erlasses zur Einführung der FwDV 100 im Brand- und Katastrophenschutz des Landes Brandenburg vom 27. Oktober 1999 zurück.
- Führungsstufen B und C (Führen mit Führungstrupp, -staffel und -gruppe): siehe Seiten „Führungsstufen A bis D: Führen in den Stufen B und C“ und „Führungseinheiten: Führungstrupp, Führungsstaffel, Führungsgruppe“.